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Stand: 19.07.2010

 

 

 

 

 

Rezensionen


 

 

ABENDZEITUNG München, 18. Mai 2010

Reiner Kröhnert und das "Jesus-Comeback"

Foto: dpa Reiner Kröhnert

Reiner Kröhnert feiert das „Jesus-Comeback" in der Münchner Lach- und Schieß

Auferstehung allerorten: Klaus Kinski, 1991 verstorben und 1971 bei seinem legendären Monolog „Jesus Christus Erlöser" vom Publikum ans „Kreuz der spießbürgerlichen Ignoranz" geschlagen, kehrt zurück in Gestalt des Messias.

Kaum gibt die CDU bekannt, Jesus Kinski zum Ehrenmitglied zu ernennen, kann Wolfgang Schäuble wieder gehen und Erich Honecker berichtet, frisch auferstanden aus Ruinen, vom Alptraum, die Mauer sei gefallen und ein kleines FDJ-Mädel Bundeskanzlerin beim Klassenfeind.

Mit dem „Jesus-Comeback" hat sich Reiner Kröhnert vom fröhlichen Stimmenimitieren endgültig verabschiedet: Die Parodien des 52-jährigen Rheinland-Pfälzers sind eine Kunstform für sich, bei der es nicht um den perfekten Stimmsitz geht, sondern um das Erkennen persönliche Haltungen aus Sprechhaltungen. Gleichzeitig wird Kinski zunehmend zum Alter ego Kröhnerts, dessen aufrechter Zorn altes Material wie Nobbie Blüms von der Geschichte widerlegter Jahrhundert-Satz „Die Renden sin sischä!" wie den um Verständnis für Holocaust-Leugner („in Wahrheit Holocaust-Versteher") und Pädophile („Der Satan lauert in so harmlosen Worten wie Blasius oder Domspatzen") werbenden Papst umfasst.

Das ist weniger lustig als es klingt - Kröhnert geht, nicht ohne Bitternis, auf die Suche der Trümmer von Moral und Ethik in Politik und Religion, und wenn es nur das C der CDU und das S der SPD sind. Sowohl während der München-Premiere in der Lach- und Schießgesellschaft als auch bei Gastspielen an anderen Orten verließen Zuschauer „Das Jesus-Comeback" still irritiert. Mehr kann ein Kabarettist kaum erwarten, wenn er nicht gerade Klaus Kinski ist.

Mathias Hejny

Münchner Lach- und Schießgesellschaft, morgen und 25. bis 29. Mai, 20 Uhr, Tel. 391997

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Die Rheinpfalz    26.04.2010

Die Kreuzigung als Missverständnis

Herrlich sarkastisch: Reiner Kröhnert mit seinem neuen Programm „DAS JESUS COMEBACK" bei der „Reblaus" in Neustadt – Irrwitzige Reise durch die absurde Realität

VON CLAUS JÜRGEN HOLLER

NEUSTADT. Kabarett beim Kleinkunstverein „Reblaus" ist seit vie len Jahren ein Synonym für beste Unterhaltung auf hohem Niveau. Das war auch am Freitagabend nicht anders, als Reiner Kröhnert sein aktuelles Programm „Das Jesus Comeback" auf der Bühne im Theater „Katakombe" in der Sauterstraße präsentierte — wie so oft vor ausverkauftem Haus.

Kröhnert — letztmals im April 2009 zu Gast in Neustadt — lässt auch in seinem aktuellen Programm die Großen und Mächtigen der Welt auf der Bühne auflaufen, startet sein ‚Jesus Comeback" wieder einmal mit Klaus Kinski und Werner Herzog und beginnt damit eine irrwitzig-rasante Reise durch die Absurditäten der deutschen Realität. Blitzgescheit und wahrhaft beeindruckend wandlungsfähig schlüpft Kröhnert in die Charaktere von Kinski, Michel Friedman, Papst Ratzinger oder Roland Pofalla, sodass es dem Zuschauer bisweilen schon ein gewisses Maß an Konzentration abverlangt, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen. Das allerdings lohnt sich, denn hinter der scheinbar harmlosen Fassade des so arglos dreinblickenden Kabarettisten verbirgt sich ein herrlich zynischer und oft erfrischend politisch inkorrekter Analytiker, dessen brillante Sprache den Zuschauer schnell in seinen Bann zieht und das immerhin fast zweistündige Programm förmlich im Fluge vorbeigehen lässt. Schade eigentlich: Hätte man ihm doch gerne noch länger zugehört, wenn er die Themen so abrupt wechselt, wie ein Feldhase auf der Flucht Haken schlägt.

Von Kinski, dessen Asche seine Tochter über der Bucht von San Francisco verstreut hat, geht es zu Peter Hintze, den die CDU als Ersatz für den Heiland bereithält, zu Angela Merkel, der Kohl seinerzeit die „träufelnden Bratwurstpranken" auf die Schulter gelegt und ihr damit die politische Zukunft geebnet hat — all sei ne Charaktere zieht Kröhnert dabei ebenso mühelos wie überzeugend aus seinem schier unendlich scheinenden Köcher.

Da geht es mal darum, dass Westerwelle eigentlich viel bessere Sym- pathiewerte haben müsste — „Esel sind ja intelligente und genügsame Tiere‘ —‚ mal um Blüms legendäres Versprechen der sicheren Renten, oder eben um den Papst, der Bischof Williamson eben darum nicht an den Karren fahren will, weil es ja die Irrtümer sind, die den Menschen lie- benswert machen. „Er sieht in den Menschen eben immer nur die un- schuldigen Kinder, die sie mal waren. Es sind nicht viele, aber Pädophile", sagt Kröhnert über den „Holocaust-Versteher" .„Den Opfern gebührt unser Mitgefühl, aber wer hat sich eigentlich für die Ermordung des Gottessohns entschuldigt", umreißt er die Argumentationslinie der katholischen Kirche.

So verfahren sei die Situation auf der Welt, dass Jesus nun eben noch mal ranmüsse, meint Kröhnert und präsentiert im gleichen Atemzug auch gleich eine zeitgemäße Interpretation des Eingreifens: Geben sei eben gerade nicht seliger den nehmen, und Jesus sei eigentlich der Messias der Heiterkeit: Judas sei sein einziger Verbündeter im Geiste gewesen und habe ihn daher zum Schein verraten — „Was haben wir gelacht .. — und so sei die Kreuzigung eben lediglich ein historisch-theologischer Irrtum gewesen.

Zwischendurch lässt Kröhnert auch Erich Honecker wieder auferstehen und ihn herrlich authentisch erzählen von seinem Traum, dass plötzlich der antifaschistische Schutzwall verschwunden wäre: Auf den Straßen tummelten sich die Automobile des Klassenfeinds, „ein Golfstrom aus Blech", und die gesamtdeutsche Kanzlerin war früher eine FDJ-Aktivistin.

Bei aller Bösartigkeit und allem Sarkasmus überwiegt auch im ‚Jesus Comeback‘ der schelmische Blick Kröhnerts auf die Absurditäten und Widersprüche in der Welt; genau dieser sympathische Zug ist es, der den Abend bei der „Reblaus" wieder einmal zu einem mehr als nur gelungenen Ereignis machte — Chapeau.

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26.03.2010 | 18:41 Uhr | kn | Thomas Bunjes

Gastspiel mit „Das Jesus Comeback" im KulturForum Kiel

 

Wider die Pharisäer: Kabarettist Reiner Kröhnert

Kiel - Empört sollen vier Zuschauer im November beim Tourstart in Gauting bei München den Saal verlassen haben. Vier waren es auch im Kieler KulturForum. Zwei Paare. Nach und nach gingen sie, nicht aufgebracht, sondern still und leise, möglicherweise innerlich empört. Von Reiner Kröhnerts Programm „Das Jesus Comeback", einem glänzenden Stück geist- und humorvollen, vor allem bitterbösen Polit-Kabaretts.

Es ist definitiv etwas weniger harmloseres als Kakao, durch das Kröhnert parodistisch prominente Christdemokraten zieht und sie in grotesker Eitelkeit, Kriecherei und Ignoranz darstellt. Angela Merkel wähnt sich in der falschen Partei: „Wie konnte das nur passieren? Ich pass da rein wie der Papst in die Peepshow." Die ehemaligen Generalsekretäre Peter Hintze und Ronald Pofalla buckeln um die Wette, Friedrich Merz erhebt sein Kapitalismus-Buch zur Quasi-Bibel, Norbert Blüm weidet sich noch immer an seinem („Da ringt der Verstand mit der Verdauung.") „Jahrhundertsatz": „Die Rente ist sicher." Und Wolfgang Schäuble schildert detailliert, wie's in seinen Zehen wieder zu kribbeln beginnt.


Schuld ist die Auferstehung von Klaus Kinski als „Jesus Kinski", designierter neuer Ehrenvorsitzender der CDU, den Kröhnert samt aller anderen Figuren subtil, aber ungemein treffend imitiert. Sparsame Gesten, kleine mimische Verschiebungen reichen. Auch bei Papst Benedikt XVI., den Kröhnert massiv aufs Korn nimmt. Ob Nachsicht mit Pius-Bruder Richard Williamson („Ich leugne nicht, ich verstehe. Ich bin sozusagen ein Holocaust-Versteher") oder pädophilen Neigungen („Satan, der große Verführer, lauert in so harmlosen Worten wie Blasius oder Domspatzen").

Kinski, den Kröhnert erstmals nach der Pause hinterm blauen Samtvorhang hervortreten lässt, ist zu einem gewissen Teil Sprachrohr des Kabarettisten. Wie weiland 1971, als Kinski in der Berliner Deutschlandhalle bei der Aufführung von Jesus Christus Erlöser durch Zwischenrufe unterbrochen worden war, sind es jetzt die CDU-Granden, die ihm ständig in die Parade fahren und geifern lassen: „Ihr seid ja noch erbärmlicher als der Mob vor 2000 Jahren. Der hat Jesus wenigstens ausreden lassen, bevor er ihn ans Kreuz genagelt hat!" Enttäuschung macht sich breit unter den Christdemokraten über so viel Respektlosigkeit; ein neues, größeres Wunder muss her, aus den Boxen schallt Auferstanden aus Ruinen und es erscheint Erich Honecker, eine von Kröhnerts Parade-Parodien, den albträumte, die Mauer sei weg.

Doch Kinski ist noch nicht fertig, jetzt liest er allen die Leviten. Früchte vom Baum der Erkenntnis, die nur schwer zu schlucken sind. Afghanistan. „Ihr führt keinen Krieg, ihr führt Frieden." Auch hier spießt Kröhnert schonungslos das Pharisäertum auf. Still ist es jetzt in den Reihen, kein Lacher mehr, schließlich ein Applaus, der betroffenen und bestätigend zugleich klingt.

Doch noch ist nicht Schluss. In einer Art Nachschlag verschont Kröhnert auch die politische Gegenseite nicht. Gerhard Schröder freut sich, dass die SPD unter ihm ihre „S-Störung" losgeworden sei, und Daniel Cohn-Bendit begrüßt den „bellizistischen Umbau" der Grünen nach den Gründerjahren und den Wandel zur „grundsoliden Mehrheitsbeschaffer-Partei". „Amen" ist Kröhnerts letztes Wort, übersetzt heißt es bekanntlich: So ist es.


URL: http://www.kn-online.de/schleswig_holstein/kultur/?em_cnt=144189&em_loc=12

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Berliner Morgenpost

Kreuzberg

Reiner Kröhnert seziert die deutsche Politik

Donnerstag, 4. März 2010

Was wäre, wenn der Heiland heute nach Deutschland käme? Im "Jesus-Comeback" von Reiner Kröhnert nimmt der Sohn Gottes die Gestalt von Klaus Kinski an und wettert gegen Politik und Kirche. Da wird mehr als ein Tempel ausgetrieben. Doch das kümmert Politik und Kirche wenig. Da wird Jesus, der den Unionisten ihr "C" abspricht, kurzerhand zum Ehrenvorsitzenden gewählt. Friedrich Merz schwenkt von "Mehr Kapitalismus wagen" auf die "Neue Geschichte der Christenheit" um und versucht, Jesus als Promoter für sein neues Buch zu gewinnen. Bissig.

Mehringhof-Theater, Gneisenaustr. 2a, 20 Uhr, Tel 691 50 99. Bis 13. März

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Politik-Kabarettist sagt allen die Meinung :

Bei Kröhnert merkelt's

Halver, 28.02.2010, Kai Pottgießer

Halver. Er hat ja so recht, der Kabarettist Reiner Kröhnert. Nicht ohne Grund lässt er in seinem neuen Programm Jesus auferstehen, allerdings in Person von Klaus Kinski.

Und der sagt - wie es seine rechte Art ist - allen gehörig und aggressiv die Meinung. Anders geht es wohl nicht. Ein duldsamer und sanftmütiger Heiland würde mit seinen Predigten in Deutschland sicher nichts mehr aus richten können. Deshalb muss ein Leviten-Leser her.

Kröhnerts Fernsehbekanntheit beschränkt sich hauptsächlich auf Parodien: Merkel, Pofalla, Blüm, Ratzinger, Friedman – sie alle hat er vorzüglich drauf, davon konnten sich Freitagabend die Besucher in der gut gefüllten AFG-Aula überzeugen. Doch Nachahmer von zeitgeschichtlich Wichtigen gibt es viele. Was Kröhnert wohltuend absetzt von der Masse: Bei ihm sind die Stimmen der Figuren nur Mittel zum Zweck. Er ist nicht auf Pointenjagd nach schnellen Lachern, nimmt diese aber selbstverständlich gerne mit, wenn er als Merkel mit Perücke und den berühmt-berüchtigten hängenden Mundwinkeln die Bühne betritt. Doch eigentlich erzählt Kröhnert eine Geschichte, in der Merkel eine Darstellerin unter vielen anderen ist.

Jesus ist also wieder da. Und die CDU hat nichts Besseres zu tun, als ihn prompt zum Ehrenvorsitzenden zu ernennen. Denn: „Dann machen die Wähler ein Kreuz für den Gekreuzigten", wie Kröhnert Ronald Pofalla sagen lässt. Ein grandioser Coup? Mitnichten. Denn der Erlöser alias Kinski denkt gar nicht daran, sich vor den Pseudo-Christlichen Karren spannen zu lassen.

Und während Merkel („Ich bin eine protestantische Physikerin") gegen den Papst wettert und dieser immer wieder den Holocaust-Leugner Williamson und dadurch auch sich selbst unsäglich in Schutz nimmt („Er ist ein so großer Menschenfreund, er kann sich solche Gräuel durch Menschenhand einfach nicht vorstellen"), während Friedrich Merz eigentlich nur sein Buch promoten will („Nach ,Mehr Kapitalismus wagen' muss die Geschichte der Christenheit neu geschrieben werden'") und ein großes Wunder vom angeblichen Heiland fordert, ist plötzlich Honecker auferstanden. Und in dieser Figur darf Kröhnert die dann auch einzige sprachparodistische Pointe einbauen, die allein dadurch wirkt, dass sie viel besser ist, als beim Original: „Genossinnennnnnnnnndgenossen". Drumherum macht der Kabarettist seinen Kabarettisten-Job und entlarvt die Politiker als Egozentriker, machtgierige Lügner und Menschen, die sich von allen entfernt haben, die sie vertreten sollen.

Und dann kommt sie, die Predigt. Jesus Kinski lässt sich nicht bremsen, spricht von der weltanschaulichen Altlastenentsorgung der CDU, die ihr „C" schon lange auf dem Altar der Macht geopfert hat, die das Geschehen in Afghanistan als „friedensstiftende Maßnahme" (O-Ton Franz-Josef Jung), als „kriegsähnlichen Zustand" (Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg) oder als „bewaffneten Konflikt" (Merkel) beschreibt und dabei das einzig treffende Wort außen vor lasse und verschweige: Krieg.

Deshalb sein klares Credo an alle, wobei dieser Heiland zu einem Kinski-Kröhnert mutiert, der sich plötzlich und fast unbemerkt direkt an sein reales Publikum in der AFG-Aula wendet: „Dient der Freiheit, dem Gewissen, dem Ungehorsam, nicht den Lügnern."

Und wer am Schluss geglaubt hat, Kröhnert habe sich in diesem Programm ausschließlich die CDU als Ziel des scharfen Dauerfeuers ausgesucht, der irrt bis zur kurzen, aber notwendigen Zugabe: Nicht zuletzt der Ausgeglichenheit wegen müssen dann noch Gerhard Schröder und Daniel Cohn-Bendit den Kopf hinhalten und werden vorgeführt. Fazit: Sie sind alle gleich. Wie traurig.

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Rhein-Neckar Zeitung – 19.Februar 2010

Wenn es in Schäubles kleinem Zeh zu kribbeln beginnt

Dann dauert es nicht mehr lange zum „Jesus-Comeback — Kabarettist Reiner Kröhnert beim „Politischen Aschermittwoch « der Grünen

Schriesheim. (sk) Prophet Werner Herzog verkündet die frohe Botschaft: Der Herr ist auferstanden. Der Messias, der für seine Wiederkunft die Gestalt Klaus Kinskis und als Outfit ein buntes Blumenkinderhemd zum gescheitelten Blondhaare wählt hat, ist wie geschaffen, um in der CDU eine moralische Marktlücke zu schließen, die weder Norbert Blüm mit seinem Renten-Spruch noch Friedrich Merz mit seinem Werk „Mehr Kapitalismus wagen" füllen.

Eingebettet in eine absurd komische Rahmenhandlung führt Kabarettist Reiner Kröhnert sein Publikum beim „Politischen Aschermittwoch" der Grünen sachte an eine Begegnung mit dem Heiland in „Das Jesus-Comeback" heran. So macht der gebürtige Schriesheimer sein Publikum im ausverkauften Zehntkeller neugierig auf den Heiland und lässt im ersten Teil des Abends die Berliner Politprominenz zu dem großen Ereignis Stellung nehmen — eine Steilvorlage für den Parodisten Kröhnert.

Zu den lieb gewonnenen Mitgliedern seiner Polit-Staffage zählen nicht nur Blüm, Hintze, Pofalla, Friedman oder Schröder, sondern auch Angela Merkel, m die Kröhnert nicht einmal die berühm straßenköterblonde Perücke gebraucht hätte, reichen doch ihre stets in Habachtstellung Richtung Bühnenbretter ausgerichteten Mundwinkel, Klassiker sind mittlerweile die Auftritte Erich Honeckers, der auch diesmal wieder in verwaschenem Tonfall den glorreichen Sieg des Marxismus-Leninismus propagiert.

Neu im Team ist der Papst, angetan mit einem weißen Strickmützchen und einer ebensolchen Weste. Als der Heilige Vater von Kröhnert durch den Kakao gezogen wird, bleiben allerdings einige brau ne Flecken an Letzterer hängen, was sicher mit dem Holocaust-Leugner Williamson zu tun hat, den der Papst mit treuherzigem Augenaufschlag verteidigt.

Ein Wunder, das sich an Wolfgang Schäuble vollzieht, kündigt die Ankunft des Herrn an. Seine Heilung teilt Schäuble haarklein und in der bekannt barocken, detailverliebten Sprache Kröhnerts mit, Sie beginnt mit einem Kribbeln im kleinen Zeh, setzt sich über Ring-, Stinke- und Zeigezeh bis zum Großen Onkel fort, stoppt kurz bei den „Arschbäckle" und lässt ihn letztlich aus dem Rollstuhl aufstehen.

 Reiner Kröhnert in Schriesheim. Foto: Kreutzer

Mit dem Auftritt des Messias ändert sich dann abrupt der Ton des Programms, wird deutlich, dass die Zuschauer mit „Das Jesus Comeback" Kröhnerts vielleicht persönlichstes Programm erleben. Er lässt seinen Jesus Kinski nämlich Dinge sagen, die man selbst vielleicht schon mal gedacht hat, nur eben nicht so schön. So prangert er den Papst an als einen „Stellvertreter-Popanz, der heilige Geistlosigkeit predigt, während er den Liebenden auf dieser Welt Kondome verbietet".

Jesus sagt noch mehr unbequeme Dinge. Etwa, wenn er die „Propagandisten der Falschheit" benennt, die den Krieg in Afghanistan nicht als solchen bezeichnen, sondern mal als bewaffneten Konflikt, mal als „Einsatz für den Frieden". Würde man in Berlin das Wort Krieg in den Mund nehmen, dann müsste Angela Merkel den Oberbefehl über die Truppe führen und damit auch den Kopf hinhalten, wenn weitere Menschen zu Tode kämen.

„Ihr wisst, was ihr tut, aber ihr wisst nicht, was ihr auslöst", sagt Kinski zu seinem Publikum, wenn er den Gedanken weiterspinnt, dass die Berliner Politiker das umsetzen, was die „Counterstrike"-Spieler an ihren Computern nur simulieren: In der brutalen Lösung von Problemen und der Gefühlskälte gegenüber den Opfern sind die einen die wahren Vorbilder der anderen.

Darf man das sagen? Darf man es so sagen? Das scheint sich da der eine oder andere Zuhörer zu fragen. Eines steht je doch fest, wie Jesus verkündet: „Es gibt keinen Halt, es gibt keine sichere Rente." Auf dem Umweg über den Humor er reicht an diesem Abend das an seichte Comedy gewöhnte Publikum etwas, das ein wenig aus der Mode gekommen zu sein scheint: Gutes Kabarett, das auch vor persönlichen Einsichten nicht zurück- schreckt.

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FAZ v. 03.02.2010

Reiner Kröhnert in Frankfurt

Jesus Kinski Erlöser

Von Christoph Schütte

Parodiert unter anderem die Kanzlerin: Reiner Kröhnert

03. Februar 2010 Eigentlich können sie einem leid tun. All die Kabarettisten, denen seit Jahren und Jahrzehnten, seit Brandt und Strauß und Wehner die Großen dieser kleinen deutschen Welt zu karikieren satirischer Bühnenalltag geworden ist. Die mit Kohl und Schröder oder Genscher aufgewachsen und bekannt geworden sind und jetzt immerzu den Brandt, den Kohl, den Schröder machen sollen. Denn was nun? Brandt tot, Honecker tot, Schröder weg und Kohl Geschichte, Boris Becker auch nicht mehr besonders interessant – und all die anderen mehr oder minder prominenten Figuren aus Politik und Zeitgeschichte, die zu parodieren sich noch lohnen könnte, kaspert Mathias Richling mit schöner Regelmäßigkeit im Fernsehen weg. Reiner Kröhnert, immerhin, hat es da ein bisschen besser.

Zwar leben auch seine bisherigen Programme und namentlich das „Jesus Comeback", mit dem er jetzt im Frankfurter Kabarett „Die Käs" zu Gast war, wesentlich von seinem parodistischen Talent, mit dem er Peter Hintze, Norbert Blüm und Wolfgang Schäuble, Papst Benedikt und nicht zuletzt die Bundeskanzlerin zu sich auf die Bühne holt. Doch Kröhnert kann und will dann doch schon etwas mehr, als seinem Publikum „Die Königin der Macht" zu persiflieren, wie der Titel seines letzten – auf Angela Merkel gemünzten – Programms lautete. Zwar ist der rote Faden, der den Abend fast wie ein Theaterstück zusammenhält, einigermaßen abenteuerlich geknüpft.

Probe auf das „C" der CDU

Dass es freilich Klaus Kinski ist, der als „Jesus Kinski Erlöser" vom Himmel herabsteigt, um zur „Umkehr in Reue" aufzurufen und, wo er schon mal da ist, auch gleich die Probe auf das „C" der CDU zu machen, ist andererseits schon wieder folgerichtig. Und wie sich schließlich all die Politdarsteller in wechselnden Konstellationen mühen, den großen Diaboliker für ihre Zwecke zu instrumentalisieren – ihr aktuelles Buch zu verkaufen etwa wie Friedrich Merz oder, besser noch, den Heiland gleich zum Ehrenvorsitzenden der CDU zu machen –, ist denn auch immer wieder ziemlich komisch, gelegentlich sarkastisch bitter auch, stets aber entlarvend bis zur Kenntlichkeit.

Dabei ist Kröhnert stimmlich ein eher mittelmäßiger Imitator. Doch Sprache und Artikulation, Haltung, Mimik, Gestik, das ist ganz großartig beobachtet bis ins Detail. Man kann sie sehen, die Schäubles, Merkels, Benedikts, Pofalla sowieso und Pfarrer Hintze. Und wenn Kinski, fast ängstlich, lauernd und lodernd zugleich, aus der Kulisse tritt, dann ist das schlicht genial. Dass sich das Programm ganz nebenbei auch noch als glänzende Satire auf den Talkshow-Quasselbuden-Parlamentarismus der Berliner Republik entpuppt, ist zudem eine hübsche, wenn auch nicht eben neue Pointe.

Kunst des Parodierens

Indes, die Frage aller Fragen kann auch Kröhnert am Ende nicht schlüssig beantworten: die nach der Relevanz nämlich eines solchen, wesentlich von der Kunst des Parodierens getragenen Kabaretts. Denn wenn beinahe täglich Merkel-, Papst- und Beckenbauer-Darsteller in irgendeine Bütt des Radios oder Fernsehens steigen und wenn darüber hinaus die Klassiker des realsatirischen Genres – Stoiber etwa, Oettinger und ähnliche Kaliber – sich längst schon selbst als Komiker unsterblich machen, statt derlei der Brettlkunst zu überlassen, dann braucht es neue Formen. Sonst kann sich das Kabarett die Parodie im Grunde schenken. Für Kröhnerts Paraderollen freilich – Merkel etwa, den Papst und Kinski – wäre es durchaus schade.

Am 6. und 7. Februar ist Reiner Kröhnert im Darmstädter Halbneun-Theater, am 14. März noch einmal im Frankfurter Kabarett „Die Käs" zu Gast.



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Offenbacher Post 30.01.10

Wiedergeburt Jesu im Körper von Klaus Kinski

Frankfurt - Wild und farbenfroh fabulieren, das kann er, und so beginnt der Einstieg in Reiner Kröhnerts neues Programm „Das Jesus-Comeback" denn auch mit einem fünfminütigen Monolog, in dem der Kabarettist eindringlich eine Szene an der Golden Gate Bridge beschwört. Von Maren Cornils

Publikum in der „Käs" Frankfurt wähnt sich fast schon selbst als Augenzeuge

der Wiedergeburt Jesu im Körper von Klaus Kinski.

Das tut er mit derart wohlklingenden Worten, dass sich das Publikum in der „Käs" Frankfurt fast schon selbst als Augenzeuge der Wiedergeburt Jesu im Körper von Klaus Kinski wähnt. Reiner Kröhnert ist für seine unvermittelten Programmeinstiege berühmt und hat in puncto aberwitzige Geschichten einen Ruf zu verlieren. Und dem wird er – sehr zum Vergnügen seiner Zuschauer – auch diesmal gerecht. Denn was mit dem Auftauchen einer kleinen Robbe an der San Francisco Bay beginnt, wächst sich zu einer kunstvoll verschachtelten und hoch amüsanten Suche nach dem Erlöser aus, der mal in Gestalt des irrsinnig drein stierenden Kinski, mal als schwäbelnder Bundesfinanzminister, als senil erscheinendes Kirchenoberhaupt oder als missionierender Michel Friedman erscheint.

Eine ganz besondere Rolle kommt bei dieser Heilsbringersuche der CDU zu, die – verkörpert durch Angela Merkel, Wolfgang Schäuble, Peter Hintze und Ronald Pofalla – von Kröhnert alias Werner Herzog ordentlich auf „Erlöserkurs" gebracht wird. Zwischendurch darf ein mit dem hessischen Dialekt kämpfender „Nobbi" Blüm als „Sozialprophet" über seine Rentenprognose philosophieren. Schon vor der Pause wird Jesus zum Ehrenvorsitzenden der CDU gekürt; und auch danach ist an Gags

und intellektuell klingenden Worthülsen kein Mangel. Wer auf niveauvolle, mit Liebe zum (Fremd-)Wort komponierte Pointen und paradoxe Geschichten steht, wird vom Meister der Imitation mit einem herrlich unterhaltsamen Abend belohnt.

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www.general-anzeiger-bonn.de

Pantheon: Reiner Kröhnert spielt Merkel & Co.

Über den Papst und die Welt

Von Karsten W.N. Kurze

Bonn. Wer in Reiner Kröhnerts Kabaretttheaterstück "Das Jesus-Comeback" im Pantheon von Anfang bis Ende die Augen schließt, mag glauben, Kröhnert selbst sei nicht zu seiner Aufführung erschienen.

Der Regisseur Werner Herzog, Journalist Michel Friedman, Angela Merkel, Friedrich Merz, Papst Benedikt XVI. und einige mehr sind gekommen. Nur Kröhnert?

Kröhnert ist, wenn man die Augen öffnet, natürlich Darsteller all dieser bekannten Personen, ein ausnehmend guter. Er klingt nicht nur wie seine Figuren, zuweilen sieht er auch so aus, kann den Herzog fast besser als Werner Herzog selbst und sobald er die entsprechende Perücke aufsetzt, wirkt er fast wie die echte Angela Merkel, nur dass diese vom Hals abwärts ein hochgewachsener Mann Anfang fünfzig ist.

Anderthalb Stunden lang ätzt das Stück vor allem über das Selbstverständnis moderner Christen und Politchristen hinweg, macht keine Gefangenen und schreibt den Protagonisten diesen Lagers gar nicht subtil Eigenschaften wie Blasiertheit, Naivität und unglaubliche Kriecherei zu.

Es ist dabei allerdings ein sehr sorgfältiges Stück, bei dem die exzellenten Darstellungen und Texte vielleicht öfters vor dem Witz stehen - es stimuliert eher den Intellekt als das Zwerchfell.

Artikel vom 21.01.2010

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NORDDEUTSCHE RUNDSCHAU

Von Kinski bis Honeckers Albtraum

20. Januar 2010 | 04:00 Uhr | Von bwe

Riesen-Lacher: Reiner Kröhnert als Erich Honecker.

Die wunderbarste Geschichte der Welt will er erzählen, der Reiner Kröhnert - nein, der Werner Herzog ist es. Erwartungsvolles Schweigen füllt die ausverkaufte "Lauschbar". Die Geschichte habe 1991 begonnen, als Klaus Kinski seinen Lebensatem aushauchte. Und dann sind sie, wie immer, alle dabei: Friedman wirft ein, dass Gott doch niemals einen Deutschen zum Messias machen würde. Friedrich Merz meint, dass sich Jesus für ganz falsche Ideale hat kreuzigen lassen, Angela Merkel fällt auf, dass sie als Realo-Physikerin in die CDU passt wie der Papst in die Peep-Show, und der Papst wartet auf eine Entschuldigung der Juden dafür, dass sie Jesus kreuzigten.

Wie immer setzt Kröhnert bei seinem Publikum viel voraus, damit es lückenlos folgen kann. Er benutzt einige Requisiten wie Perücke und Kittel - aber eigentlich braucht er keine Verkleidung - die Zuschauer erkennen sofort, wen er verkörpert.

Mit irrem Kinski-Blick deklamiert er, er sei nicht der Jesus, der den Trotteln das Wort erteilt, auch wenn sie ihn zum Ehrenvorsitzenden machen. Und am Schluss wird ein richtig großes Wunder verlangt. Zu "Auferstanden aus Ruinen" erscheint Erich Honecker und nuschelt sich - begleitet von Lachsalven - durch seinen Albtraum: Er habe geträumt, die Mauer sei weg, golfstromartige Blechlawinen wälzten sich durch sein Land, während er immer dicker und zu Kohl geworden sei. Als Gegensatz polemisiert gleich darauf Jesus über den Afghanistan-Konflikt und die "Heuchler, Metzler und Meuchler", die ihren Kindern vorwerfen, sich mit Kriegsspielen am PC zu sehr zu identifizieren.

Wieder einmal Polit-Satire vom Feinsten - voller kontrastierender Widersprüche und Übertreibungen.

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Erlanger Nachrichten,09.01.2010

Jesus Kinski und die Erlösung

Kabarettist Reiner Kröhnert mit neuem Programm im «Fifty»

Honecker träumt, Schäuble «bitzelt’s» in den Füßen, Schröder macht Späße, Merz will mehr Kapitalismus wagen und Jesus Kinski ist der Erlöser: Wer ein solches personales Panoptikum auffährt, verbal ungemein versiert ist und viel von Dialektik versteht, gehört ganz einfach auf die Bühne. Reiner Kröhnert betritt derzeit allabendlich (und heute um 20 Uhr noch einmal) die Bühne des «fifty fifty» und stellt dort sein neues Programm «Das Jesus Comeback» vor.
Kröhnert hat sie alle im Sack und kann sie nach Belieben herausholen – Polit-Chargen so mancher Couleur genauso wie Herrn Ratzinger vom Vatikan. Körpersprachlich und stimmlich vollendete Parodien, ja Karikaturen, besser als die Originale. Doch Kröhnert ist kein Comedian, der mal schnell durch mehr oder weniger launigen Schabernack schenkelklopfendes Gelächter abfischen will. Er bohrt sich hinein ins Schwindeln machende Gekröse der alltäglichen Polit-Phraseologie und reinigt die Verstopfungen durch subtile Nadelstiche in die Eiterbeulen verschmutzten Denkens und ebensolchen Gehabes.
Miteinander kommunizieren
All das passiert nicht in Form einer wahllos zusammengekleisterten Nummernrevue, Kröhnert lässt vielmehr die Protagonisten seiner Personage heftig miteinander kommunizieren. Wenn Angela Merkel auf den Papst trifft oder Michel Friedman auf Klaus Kinski, hat das neben aller vordergründigen Typen-Komik die Messerschärfe klarsichtigen Polit-Kabaretts. Nicht umsonst werden hier auf entertaineske, gleichwohl bitterböse Weise Themen wie Sozialismus, Holocaust-Leugner, Karrierismus und Erlösung verhandelt. Mitdenken lohnt sich hier und ist auch unvermeidlich! mko

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Süddeutsche Zeitung, 01.12.2009

Die Offenbarung des Herrn Kröhnert

Hochintelligentes und bitterböses Kabarett: „Das Jesus-Comeback" im Gautinger Bosco

Gauting - „Ich muss Ihnen eine Geschichte erzählen", beginnt Kabarettist Reiner Kröhnert sein neues Programm „Das Jesus-Comeback" im Gautinger Bosco. Aber ist das überhaupt Reiner Kröhnert? Ist das nicht vielmehr der Filmregisseur Werner Herzog, der anlässlich einer Trauerfeier zum Gedenken an den Schauspieler Klaus Kinski Zeuge einer nahezu unglaublichen Wiederauferstehung wird? Klaus Kinski kehrt als neuer Messias zurück und macht Werner Herzog zu seinem Propheten. Das aber ruft gleich einen ganzen Stab an Einspruch-Erhebern auf den Plan. Zunächst meldet sich Michel Friedman zu Wort und mahnt an, dass der neue Messias schon aus Traditionsgründen aus dem Hause Davids zu stammen habe. Und wenn dies wirklich nicht möglich ist, so gehöre er doch wenigstens seinem Stammtisch, der CDU, an. Um dies festzuklopfen, lädt er gleich zwei diensteifrige Gesellen ein, die einander in ihrer Ergebenheit gegenüber welcher Sache auch immer zu übertreffen versuchen. Peter Hinze und Roland Profalla eilen auch sogleich herbei, „Ihr ergebenster Diener" der eine, „Ich bin, was das Dienern angeht, viel geschmeidiger" der andere. Schließlich kommt, in Erzengel Gabriel-Pose, die alles andere als engelsgleiche Angela, ihres Zeichens auch noch Protestantin und höchst unzufrieden mit der eigenen Partei.

Wendig und mit wenigen Requisiten – die Merkelperücke bildet da schon die Ausnahme – schlüpft Reiner Kröhnert in die zahlreichen Rollen seiner durchkomponierten Auferstehungsgeschichte. Wenn er beispielsweise Norbert Blüm spielt, reicht ihm ein Spitzen des Mundes und ein Senken der Stimme. Dass er dabei den Tonfall samt Dialektfärbung dieses und aller anderen von ihm parodierten Politiker beherrscht, ist ebenso überzeugend wie seine wohl dosierte, genau eingesetzte Mimik. Als Wolfgang Schäuble, der das Wunder der Heilung des Lahmen erleben darf, gewinnt er noch jedem „st" ein „scht" ab; als Friedrich Merz weist er bei jeder Gelegenheit auf dessen Heilsbotschaft „Mehr Kapitalismus wagen" hin.

Einfach großartig ist Kröhnert dann als Klaus Kinski alias Jesus Kinski, der nach der Pause leibhaftig auftritt und dem Volk mal in ausgewählt klassischer Sprache („sündensatte Albträume"), mal deutlich und vulgär („Halt die Fresse, Politpygmäe"), immer aber näselnd pathetisch und vor Ergriffenheit vibrierend die Meinung sagt.

Seine Predigt in Sachen Afghanistan-Einsatz sucht in ihrer Deutlichkeit nicht nur im Kabarett ihresgleichen und ließ auch dem Gautinger Publikum das Lachen gefrieren. So hat man Kabarett lange nicht mehr erlebt: politisch, bissig-böse und hochintelligent, dabei eine gelungene Symbiose aus Schauspielkunst, Sprechfertigkeit und Parodie. Dieses „Jesus-Comeback" ist eine Offenbarung. SABINE ZAPLIN

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Starnberger Merkur, 30.11.2009

REINER KRÖHNERT, Exzellentes Stück bis zur letzten Minute


Gauting – Seitdem die Sahnetörtchen aus allen erdenklichen Kabarettprogrammen in Häppchen im Fernsehen und im Internet konsumiert werden können, fällt es immer schwerer, einen ganzen Abend mit nur einem Kabarettisten zu verbringen. Reiner Kröhnert füllte wohl am Samstagabend das bosco in Gauting zunächst deshalb spielend, weil viele seine sensationelle Angela- Merkel-Parodie live erleben wollten. Die Sensation aber bestand an diesem Abend darin, dass Kröhnerts Programm „Das Jesus Comeback" nicht nur einen roten Faden, sondern eine dramaturgische Linie verfolgt, dass es eben keine Nummernrevue ist, sondern wie ein exzellentes Theaterstück von der ersten bis zur letzten Minute das Niveau hält.

Der „Plot" ist schnell erzählt: Klaus Kinski ist Werner Herzog unter der Golden Gate Bridge als Robbe erschienen und als der Messias Jesus Kinski auf die Erde zurückgekehrt. Dort soll er nun von der CDU zum Ehrenvorsitzenden der Partei gemacht werden. Über das genaue Prozedere befinden nun zunächst ein sagenhaft schmieriger Michel Friedmann und ein devoter Ronald Pofalla, in beständigem Wettstreit mit Peter Hintze um die Rolle des aller-aller-untertänigsten Arschkriechers. Dann aber treten Wolfgang Schäuble, Norbert Blüm und Friedrich Merz auf, schließlich Angela Merkel. Die liest nun noch einmal dem „Herrn Ratzinger" ordentlich die Leviten, der sie dafür, wenn er könnte wie er wollte, auf den Scheiterhaufen legen und mit Braunkohle-Briketts steinigen lassen würde. Es geschehen Zeichen und Wunder, allesamt vom Papst direkt im Himmel bestellt. Schäuble kann nach mehrtägigem „Kribbeln und Bizzeln vom dicken Zeh bis ins Arschbäckle" wieder laufen und Honecker wacht wieder auf, vermeintlich nur leicht verkatert nach einem weinseligen Bankett mit Genscher und Kohl im Jahr 1987: Er hat ein Blackout von gut zwanzig Jahren und fragt erstaunt: „Was meinen Sie denn jetzt mit Jenseits, hüben oder drüben?" Und natürlich erscheint auch Jesus Kinski mit wirren Blick und dicker Lippe, salbungsvoll monologisierend und keineswegs bereit, die Welt den geistig Armen zu überlassen, auch wenn die geistig Armen ihn gerade zu ihrem Ehrenvorsitzenden machen wollen.

Kröhnert braucht am Anfang für den Papst ein Käppi, für Merkel eine Perücke und für Kinski ein geblümtes Hemd, dann aber kommt er ohne Requisiten aus, er zieht sich nicht mehr um, er verzieht einfach das Gesicht, ändert Tonfall, Körperhaltung und Gestik minimal, wird Merkel, wird Papst, wird Kinski, wird Schröder, wird Kohl – er ist genial. KATJA SEBALD

Quelle: Starnberger Merkur, Lokales 8, Montag, 30. November 2009 | Nr. 276

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Lokale Kultur 

Ein Prophet der Parodie

21.11.2009 - WIESBADEN

Von Peter Müller

KABARETT Reiner Kröhnert im Pariser Hoftheater

Ein wahrhaft biblisches Szenario entspinnt sich da im fernen San Francisco, wo sich Unglaubliches abspielt: Just unter der Golden Gate Bridge, wo Nastasja einst die Asche verstreut und damit selbst die Robben zu Tränen gerührt hatte, teilt sich das Wasser - und, oh Wunder, den Fluten entsteigt der neue Heilsbringer: "Jesus Kinski, de Klaus". Reiner Kröhnert, der prophetische Zen-Meister der Parodie, hat sie wieder alle herbei zitiert, die Merkels, Hinzes und Pofallas, die Schröders, Schäubles und Blüms, Friedmanns und Cohn-Bendits. Selbst der Papst muss aus dem Vatikan anreisen, um sich mitsamt seiner Piusbruderschaft kräftig die Leviten lesen zu lassen. Auf leise, aber eben heimtückische Art.

Denn auch in seinem aktuellen Programm "Das Jesus-Comeback", zu dessen "Welturaufführung" Kröhnert ins ausverkaufte Pariser Hoftheater geladen hatte, verarztet er seine Patienten auf subtile Weise. In fast salbungsvollen Akten der Selbstdemaskierung. Sogar Ober-Exzentriker Kinski (zweifellos "kein Jesus der geistig Armen") scheint da zwar zorniger, aber zuweilen doch entrückt pastoraler Teil eines ausgefeilten Bühnenauftritts, den man als Gegenentwurf zum spaßigen Marktgeschrei der boomenden Comedy-Szene schon per se bejubeln möchte.

Kröhnert lässt es ruhig, fast bedächtig angehen; ohne auf die schnelle Pointe oder Schenkelklopfer zu zielen. Das braucht genaues Hinhören, aber nur minimale Requisiten: Ein Sessel, zwei Perücken, eine putzige Pelzmütze - das war´s. Seine ständig wechselnden Figuren allerdings, die er in bizarren Talk-Runden versammelt, sind so sorgfältig auf das Klischee reduziert, dass ihre Karikaturen verblüffend nah am Original entlang scheinen. Und seine Geisteraufstellungen, in denen etwa ein aus Ruinen auferstandener, ewig gestriger Honecker den vermuteten Putschisten Schäuble ("Es ischt, wie´s ischt, aber dass es so ischt, wie´s ischt, ischt die Krux") zu einer sozialistischen Wiedervereinigung trifft, sind so surreal wie sie plausibel scheinen.

Zumindest im "Jesus-Comeback", das alles möglich und Kinski bald zum CDU-Ehrenvorsitzenden von Friedmanns Gnaden macht: "De Klaus" mit "Geistes-Zwerg" Blüm im Rentenland, "Mehr Kapitalismus wagen"-Merz mit "Ich buckel, also bin ich"- Hinze und "Ich bin, also buckel ich noch mehr "-Pofalla in gewohnter Plattitüden-Lyrik - in Kröhnerts Parodie-Panoptikum zersägen sich alle Delinquenten höchstselbst.

 Seinen Segen haben die Zuschauer im Pariser Hoftheater: Reiner Kröhnerts neues Programm "Das Jesus-Comeback" erlebt hier seine Deutschlandpremiere.Foto: wita/Paul Müller

 

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DIE  ZEIT, 17.09.2009 Nr. 39

Kabarett

Der Witzreflex

von Peter Kümmel

Wo es immer noch verwegen erscheint, über die Herrschenden zu lachen: Eine Reise durch das politische Kabarett in deutschen Landen

Die CDU sucht einen Mann, der ähnliche Qualitäten besitzt wie Barack Obama. Na, und hat sie einen gefunden? Ja, Roberto Blanco.« – »Kennen Sie Batmerkel? Das ist Deutschlands Superheldin; kein Cape, aber eine Udo-Walz-Frisur.« – »Kennen Sie Merksau? Das ist Angela Merkel plus ihr Gatte Herr Sauer.« – »Wie sah Althaus am Wahlsonntag aus? Ziemlich alt sah er aus.« – »Warum ist Obama schwarz? Weil er sich während Bushs Regierungszeit schwarz geärgert hat.« – Das sind ein paar der Witze, die man zu hören bekommt, wenn man durchs deutsche Kabarett reist, in den Wochen vor der Wahl. Es sind noch nicht mal die schlechtesten.

Im Kabarett Die Wühlmäuse (im äußersten Westberlin) spielt Simone Solga, eine junge Kabarettistin aus Thüringen im Business-Outfit, eine lebhafte Frau. Sie scheut sich nicht, alte Kohl-Witze auf Steinmeier anzuwenden (»Stromausfall. Steinmeier stand 45 Minuten auf der Rolltreppe«). Schon das ist gespenstisch. Es bestätigt den alten Verdacht, dass zwar Obrigkeiten und Elektorate wechseln, dass aber die Reflexe, die zwischen ihnen hin- und hergehen, dieselben bleiben und dass also in 50 Jahren immer noch einer auf Kohls Rolltreppe stehen wird…

Noch gespenstischer allerdings ist, dass in Solgas Programm Die Kanzlersouffleuse mehrere Witze vorkommen, die man am Abend zuvor schon im Kabarett Die Distel (tiefstes Ostberlin) hören konnte. Manche Witze, nun ja: Sprüche, habe ich auf meiner Kabaretttour in vier, fünf Varianten erlebt, etwa den: »Was zur Zeit bei der SPD los ist, dagegen war die Stimmung im Führerbunker 1945 ein Fest.« Ist da ein zentrales Textbüro an der Arbeit, welches den Kabaretts die Pointen liefert, auf der Basis von Marktanalysen? Oder gibt es einen kollektiven Witzreflex, der durch alle hindurchgeht, ohne dass sie es merkten?

Wir sind in der Distel, Friedrichstraße, Berlin. Das Publikum ist im Schnitt deutlich über 50, und im Saal hört man, wenn die Stimmung auf dem Höhepunkt ist und es jenseits von »Inhalten« um die Achselnässe von Angela Merkel und die Nase von Roland Koch und vor allem um das Schwesternhafte an Guido Westerwelle geht, jenes glückselige Kreischen, wie es vor allem ältere Damen bei Karnevalssitzungen zu fortgeschrittener Stunde von sich geben.

Hier ein paar Kernbegriffe und -requisiten des deutschen Kabaretts: »Kevin« (als Sammelname für das, was man nie sein möchte, nämlich Unterschicht); »Westerwelle« als Oberbegriff für das, was man erst recht nie sein möchte, nämlich schwul (»Haben Sie nicht gemerkt? Der Westerwelle ist die Handpuppe der Großindustrie; der hat da unten hinten so ’n Loch, durch das immer ein Aufsichtsratsvorsitzender seine Hand steckt«); Möllemanns letzter Fallschirmsprung; Schäubles Rollstuhl; Barschels Badewanne. Darüber hinaus lässt sich feststellen: Das Kabarett hat eine ungeheure Vorliebe für Namenswitze.

Ist das Kabarett etwa so sehr am Ende wie die Boulevardkomödie? Die beiden Genres standen sich stets gegenüber wie der Spießbürger und sein schlechtes Gewissen, wie der fremdgehende Ehemann und der Detektiv, der sich an seine Fersen heftet. Die Komödie spielte mit den bürgerlichen Umgangsformen, das Kabarett lieferte zum Spiel amüsiert den kritischen Apparat. Und wie die Boulevardkomödie heute am ehesten überlebt, wenn sie ins Extrem getrieben wird, als Proll-Komödie im Kino oder als ruppige Burleske im Theater, ist auch das Kabarett am populärsten, wenn es jene Mittel zu Haupt- und Selbstzwecken erhebt, die früher Mittel zur Aufklärung waren: Parodie, Karikatur, Erledigung.

Kabarett hatte einen Zweck, und dieser Zweck hieß Volksverbesserung und Belehrung. Dem Ensemblekabarett der letzten Jahre hing ein Etikett an: Volkshochschule. Das wollten immer weniger Zuschauer sehen. Sie wollten in ihrer Freizeit mit nichts mehr in Berührung kommen, was an Arbeit erinnerte. Stattdessen triumphieren jetzt auf den Kabarettbühnen (die längst Kleinkunst- und Comedybühnen sind) klassenlose Herrschaften, die demonstrieren, wie mühelos ihnen das Leben misslingt. Es sind agile Zyniker und Stand-up-Komödianten, die nicht über die Zustände der Gesellschaft klagen, sondern sich über die Zustände in ihren eigenen Köpfen amüsieren.

In ein paar Nischen in Berlin, München, Düsseldorf, Dresden, Leipzig überlebt das Ensemblekabarett zwar noch. Aber es ist ein bemitleidenswertes Dasein.

Man hat sich der Comedy angepasst und will nun Satire machen für den Kopf und für die Drüsen; man will die politische Pointe und die Zote. So etwas ist schwer. So etwas geht meistens schief. Gefährlich wird »der Macht« all das nicht. Im Foyer der Distel hängen signierte Fotos von Köhler, Thierse, Momper, Wowereit, Rau und Heide Simonis (man sieht sie im Gespräch mit einem afrikanischen Kind). Im Foyer der Berliner Stachelschweine hängt ein liebevoll gemaltes Porträt des Bundespräsidenten. Das hängt da aber nicht als Trophäe, als wollten die Kabarettisten sagen: Der war bei uns, und dem haben wir die Meinung gesagt! Nein, hier siegt der Stolz über alle Satire: Der Herr Bundespräsident in unserer bescheidenen Hütte, dass wir det noch erleben durften!

An dieser Stelle lohnt sich ein Blick zurück in die Geschichte des deutschen Kabaretts, ein Blick zurück zu Werner Finck. Er ist der Vater des heutigen deutschen Kabaretts, er machte Kabarett in der Nazizeit, er saß im KZ. Seine Größe ist vielleicht unser Fluch. Finck sprach und überlebte in Auslassungen und Andeutungen. Stotternd, sich absichtsvoll verhaspelnd, trieb er den Witz in die Nähe der Fehlleistung. Was er meinte, sagte er nicht; was er sagte, war anders gemeint. Das Unsagbare war die Botschaft; man musste es sich selbst denken. Kabarettist und Publikum trafen sich im Verbotenen, und das hatte eine fast erotische Komponente: Man las einander, an der Zensur vorbei, die Gedanken. Dieses kollektive Dazudenken war eine sehr deutsche Unterhaltungsleistung: eine verstohlene Lustreise ins Gelächter. Man verabredete sich hinter dem Rücken der Macht.

Dieser Gestus prägt das deutsche Kabarett bis heute. Noch Dieter Hildebrandt hat in seinen großen Soli das Entscheidende nur angedeutet, wenn auch eher aus sportlichem Übermut: Mal sehen, ob ihr’s kapiert. Die Kabarettisten von heute treten nun breitbeinig an die Rampe und sagen, was Sache ist, und sie sagen es so, als dürfte man es eigentlich nicht sagen.

Sie sprechen noch immer so, als könne sie der Auftritt Kopf und Kragen kosten. Der alte Angsthintergrund ist, wie Adorno sagen würde, selbst als abwesender noch da. Anders wäre der Erfolg eines tendenziell humorlosen Jetzt-aber-mal-Klartext-Sprechers und Furchtlosigkeitsdarstellers wie beispielsweise Hagen Rether nicht denkbar. Was macht der? Er legt seinen Ellbogen auf den Tresen, der in Rethers Fall zufällig ein Konzertflügel ist, und sagt uns »die Wahrheit«.

Wo Finck immerzu unter dem Zwang stand, die Wahrheit auf offener Bühne umzumünzen und umzucodieren in etwas Falsches und Uneigentliches, da decodiert und enthüllt Rether drei Stunden lang im Zustand des beschwingten Ekels das Falsche und Fiese unserer Welt. Er ist der Asket und der Messias unter den Kabarettisten. Er predigt Umkehr, Demut vor der Schöpfung, Bescheidenheit, und er kann sich dabei gar nicht halten vor Selbstgenuss. Was Finck nur andeutete, das verrät der allwissende Rether; was Finck vernuschelte, daraus macht Rether Entrüstungsschlagzeilen.

»Es geht um nix. Es geht um gar nix«, sagt er bei seinem Auftritt im ausverkauften Hamburger St. Pauli-Theater. Und: »Wie wär’s mit Verantwortung übernehmen?« Oder: »Wie wär’s mit Selberdenken?«

Die Schweißflecken Angela Merkels auf ihrem Bayreuther Kleid, die so ausgiebig begutachtet wurden im deutschen Kabarett, sie sind auch bei ihm Thema: Rether erwähnt sie, aber nur, um sich über die Öffentlichkeit zu empören, die sich über die Schweißflecke empört hat. Erwähnen muss er sie schon: Ohne Merkels Schweißflecke kommt das deutsche Kabarett gar nicht mehr aus.

»Wie Kinder behandeln die uns«, sagt er, und »die« sind, wahlweise, die Politiker, die Reichen, die Medien, die Kirchen, die Konzerne. Dass er »uns«, seine Zuschauer, selbst behandelt wie einen Haufen Kinder, die noch nie eine Zeitung gelesen haben, sei hier nur nebenbei bemerkt. »Kann man das mal zur Kenntnis nehmen?« und »Merkt da noch einer was?« und »Geht’s noch?« sagt er, wenn er wieder einen verdeckten Zusammenhang (etwa den zwischen unserer Gier und dem Hunger der armen Länder) aufgedeckt hat.

Irgendwie erinnert Hagen Rethers Programm an den Beginn einer klassischen Reisereportage, genauer: an die Taxifahrersuada. Also: Ein Reporter fliegt nach Lagos, Managua oder St. Petersburg, stellt schon auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt die Kamera oder das Tonband an und lässt sich vom Taxifahrer erklären, wie es in der Stadt so zugeht. Juan oder Ibrahim oder Wladimir schimpft dann auf der ganzen stickigen Fahrt über die Regierung, den Bürgermeister und den Zustand des Landes. Man müsste den Kerlen den Kopf abreißen / den Stuhl vor die Tür setzen / sie vierteilen / das Rathaus stürmen et cetera. Das ist, wenn man Pech hat, die Antwort, wenn man den Taxifahrer fragt, was er von der herrschenden Klasse hält. Man weiß genau: Juan, Ibrahim oder Wladimir werden, wenn man 14 Jahre später wiederkommt, immer noch in ihrem Taxi sitzen und schimpfen. Und so ist das mit Hagen Rether; er wird noch in 14 Jahren am Flügel sitzen und »Ja geht’s noch?« sagen.

Und es funktioniert. Das Publikum lauscht, und es wartet auf seinen Einsatz. Im Zuschauerraum lebt nach wie vor die deutsche Empfindung, dass es verwegen sei, über Herrschaft zu lachen. Anders als das schallende, fetzende Gelächter auf den Comedybühnen ertönt im Kabarett das gedrosselte Highbrow-Lachen: Hohoho. Es ist das Geräusch, an dem ein Blinder erkennen könnte, dass er sich im deutschen Kabarett befindet. Das Hohoho erinnert an das Aufzeigen in der Schule, mit welchem der beflissene Mitmacher zu erkennen gibt, dass er dem Unterricht folgt. Hohoho bedeutet: Ich habe die Pointe verstanden! Und nicht nur das: Ich stehe hinter ihr! Das Tuscheln im Obrigkeitsstaat, das Sprechen hinter vorgehaltener Hand, es überlebt im Hohoho: Dass die sich trauen, so was zu sagen! Und dass ich mich traue, darüber zu lachen!

Der Beruf des Kabarettisten ist in den letzten Jahren ziemlich heruntergekommen. Es gibt nun immer mehr Spezialhandwerker des Parodistengewerbes, die ein, zwei, drei Politiker gut »können«, damit durch die Lande reisen und in Fernsehsendungen eingeladen werden; da sitzen sie dann bei Otti im Schlachthof oder bei Schramm und Priol in der Anstalt oder bei »JBK« Kerner in der Show und sprechen als Stoiber oder Schröder oder Merkel. Aus souveränen Hofnarren, immerhin, sind Schoßhündchen geworden, Referentengestalten, die den Originalen den Aufwand ersparen, sich selbst in die Sendungen zu bemühen. Die Darsteller aber verschwinden im Schoß der Macht. Wenn man sie kaum noch sieht, werden sie gern von Kerner gefragt: Wen können Sie denn noch? Machen Sie doch mal den Bohlen!

Es gibt einige Kabarettisten, die aus dieser Reihe von Handelsvertretern herausfallen. Einen von ihnen habe ich im Kreuzberger Mehringhoftheater gesehen: Reiner Kröhnert. Ein Parodist, der aus denen zusammengesetzt zu sein scheint, die er darstellt, das kalte Monster der deutschen Politik.

In seinem Programm Königin der Macht geht es zu wie in einem Shakespeare-Drama: Schäuble, Schröder, Struck, Merz, Stoiber, sie alle haben sich zusammengefunden, um Angela Merkel aus dem Weg zu räumen. Die Kernfrage des Programms lautet: Wie hält es diese Frau aus, sich an der Macht und am Leben zu erhalten? Kröhnert gibt der Kanzlerin etwas Geducktes, Wachsames, Witterndes: Ein Tier, das an Verrat gewöhnt und im Verrat groß geworden ist.

Kröhnert ist sozusagen der Gustaf Gründgens unter den Parodisten. Er erschafft seine finsteren Figuren mit Sorgfalt, ja mit Liebe, im Gegensatz zu all den schlechten Parodisten im Land wird er im entscheidenden Moment nicht lauter, sondern leiser (als höre er sich selbst zu), und die Verachtung zwischen den Herrschenden, ihre von Ekel und Misstrauen grundierten Umgangsformen – all das beleuchtet im Kleinen die Misere des Ganzen.

Die Typologie der deutschen Spitzenpolitik, wie Kröhnert sie sieht, ist schnell umrissen: Diese Wesen finden Erfüllung nur in der Intrige, Genuss nur im Verrat. Aber der Altkanzler, Gerhard Schröder, ist ein Fall für sich. Er ist bei Kröhnert, und nicht nur bei ihm, der Einzige, der zu sich gefunden hat: ein entspannter, von allem Schuldgefühl erlöster deutscher Bösewicht, kein Mann im Schatten, sondern substanzieller Teil des großen Schattens selbst.

Wenn Schröder auftritt, riecht es schweflig im Kabarett, und wenn er seinen »Freund Wladimir« erwähnt, dann ist der Mafia-Zementschuh nicht fern. Durch Schröder (und also Putin) zieht das Diabolische ins Drama ein und nicht nur das Verspannte und Verkrampfte. Das deutsche Kabarett vermisst ihn schmerzlich.

Der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt hat geschrieben, die Botschaft von Shakespeares Königsdramen ans Volk laute: Seid froh, dass ihr nicht dort oben steht. Ihr haltet euch zu Füßen eines Schafotts auf. Die dort oben werden fallen, und zwar bald. Es ergeht euch besser hier drunten. Auch das Kabarettpublikum würde allzu gern diesen Hauch der Gefahr noch spüren. Doch der alte Gegensatz zwischen »uns hier unten« und »denen da oben« ist ins Horizontale gekippt. »Die« sind nicht mehr »da oben«, sondern »da drinnen«, im Schlamm der Korruption, im Irrsinn der Politik, auf der anderen Seite des Fernsehschirmes: höhere Dschungelcamp-Insassen.

Aus dem Verhältnis zwischen Beherrschten und Herrschenden ist eines zwischen Kunden (beziehungsweise Zuschauern) und Dienstleistern (beziehungsweise Darstellern) geworden. Was zwischen diesen Gruppen stattfindet, ist nicht mehr Kritik, Diskurs, Unterwanderung, Subversion, sondern: Evaluation. Und der Ton, in dem das Kabarett über die Politiker spricht, ähnelt dem, in dem auf Uni-Internetseiten unbeliebte Dozenten bewertet werden. Auf diesem Umstand basiert auch der Erfolg der satirischen Wahlkämpfer Martin Sonneborn und Hape Kerkeling, welche mit ihren Filmen Die Partei und Horst Schlämmer – isch kandidiere jegliches »Oben« entzaubern: Es sitzen ja offensichtlich nur Knallchargen dort.

Kürzlich hat im Standard , der Wiener Qualitätszeitung, gestanden, das österreichische Boulevardblatt Kronen Zeitung zeichne sich dadurch aus, dass die Redakteure der Krone von ihren Leserbriefschreibern stilistisch nicht mehr zu unterscheiden seien. Das war hämisch gemeint und ziemlich treffend. Man könnte Ähnliches von vielen deutschen Kabarettisten sagen; sie sind dem Stammtisch, den sie parodieren müssten, zum Verwechseln ähnlich geworden.

Mehr zum Thema

Es gab Zeiten, da ließen die Deutschen sich vom frechen Herrn Hildebrandt und von seinen Leuten im Fernsehen in die Zukunft begleiten: Schimpf vor zwölf hieß die Sendung, sie lief in den letzten Stunden des 31. Dezember, und sie zeigte die Lach- und Schießgesellschaft auf dem Gipfel ihrer Popularität. Sie war das wache Schattenkabarett der Republik, welches uns im alten Jahr verabschiedete und im neuen Jahr empfing.

Später bot uns das Fernsehen an dieser Stelle die Neujahrskanzlerrede aus dem Vorjahr. Beinahe hätte es keiner gemerkt. Vielleicht war da schon alles vorbei. Vielleicht hatte dieses Land politisches Kabarett da schon nicht mehr nötig.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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KULTUR 22. Mai 2009

An der Achsel des Bösen gerochen

Senftenberg Die Erfolgsgeschichte der Kabarettreihe an der Neuen Bühne Senftenberg setzt sich fort. Am vergangenen Montag schrieb sie Reiner Kröhnert mit seinem neuen Programm ,,Königin der Macht" vor ausverkauftem großen Saal weiter.



Unverkennbar Merkel: Politiker werden von Reiner Kröhnert gnadenlos karikiert. Foto: Steffen Rasche

Die Nummer Eins der deutschen Polit-Parodisten bot mit zynischer Gnadenlosigkeit ein kaum zu übertreffendes Panoptikum. Dabei machte es Reiner Kröhnert den Besuchern zu Beginn nicht leicht. Aber schnell wurde klar, er erschien als Erfolgsregisseur Werner Herzog und verriet: Klaus Kinski lebt, er hat ihn versteckt, und der Schauspielgott ist mit seinen Versen auf der Suche nach neuer sinnlicher Ekstase. Ausgerechnet die ,,Königin der Macht" hat er sich als Muse auserkoren und beschreibt ihr ,,wildes Wurzelhaar", ihren ,,Tigerinnendunst" und lechzt ,,nach deinen prallen Brüsten". Sogar in den Plenarsitzungen wird Angela Merkel ,,schlüpfrig angesimst".

Zur Kanzlerin gekrochen

Ihre emotionale Seite fühlt sich in Erregung versetzt und bald beginnt ,,das Bollwerk der erotischen Abwehrbereitschaft zu bröckeln". Während Michel Friedman rät, der Versuchung nachzugeben, versuchen sich Kanzlerinnendiener Hintze als ehemaliger Rote-Socken-Initiator und Pofalla auf der schleimig gelegten Kriechspur zu überholen. ,,Denken Sie an die Partei", bitten beide untertänigst. Kröhnert wäre nicht Kröhnert, wenn er es bei dieser kabarettistischen Konstellation belassen würde. Für ihn bieten die ,,erotisch aufwühlende Poesie satanischer Verse" und ihre Wirkung auf die ,,emotionalen Synapsen" der Macht-Kanzlerin den Ausgangspunkt für eine zweite Ebene.

Er jagt die Kabarettfreunde durch das ganze große Politpanoptikum Bundesrepublik, schaut hinter die Kulissen des Machtapparates auf Parteiengeklüngel und persönliche Eitelkeiten. Mit minimalistischer Körpersprache, mit Mimik und Sprache schlüpft er in schnellem Wechsel in die verschiedensten Rollen, von Big Schäuble zum Exkanzler Schröder, Altkanzler Kohl und Bayern-Fürst Stoiber, um im nächsten Moment mit Alt-Revoluzzer Cohn-Bendit in Erinnerungen zu schwelgen und als DDR-Staatsratsvorsitzender Honecker die Volksfront der wahren Revolutionäre gegen die Linkspartei als kleinbürgerliche Kraft des Revisionismus zu verteidigen. Sogar Stasi-Experte Wolf Biermann darf grummelnd alle Roten erschießen lassen. Waren soundso alle bei der Stasi außer ihm.

Die illustre Runde männlicher Politchargen hat sich aus gutem Grund zusammengefunden. Die liebestrunkene und von der Stasi geführte Kanzlerin, die ihre ,,Höhepunkte" an Kohls Seite nur vorgetäuscht hat, muss elegant entsorgt werden, denn als ,,neue Uschi Kinskis" bringt sie die Macht des freiheitlichen Kapitals in Gefahr. Also setzt der schwäbelnd babbelnde Schäuble alle Überwachungsmechanismen in Gang und zur Not kann der Gerhard immer noch seinen Freund Wladimir anrufen. ,,Hahaha". Allerdings hat die sich ,,Mobbing-strategisch auf Weltniveau" bewegende Politikerspezies nicht damit gerechnet, dass Angie keine ,,postfeministische Quotenfrau oder Latexdomina" ist und die Klaviatur der Macht nicht nur mit ,,Dekolleté-Outing" bedient. ,,Männer sind zu doof, oder wie siehst du das, Guido?" Sie setzt der Intrige die Super-Intrige entgegen, stutzt Kinski auf Oettinger-Format, serviert Lust-Politiker Sarkozy ab und hat mit ,,Frau" Westerwelle längst das Konzept für den ,,neoliberalen Endsieg" in der Schublade. Sie tanzt mit dem Hedge-Fonds.

Lachen auf der Titanic

Von SPD zu CDU, FDP und der Linken, die Verwandlungsfähigkeit Kröhnerts kennt keine Grenzen. Dabei reicht ihm die Reduktion auf das Wesentliche. Karikaturen im besten Sinne bringt er mit unfehlbarem Wiedererkennungswert auf die Bühne. Intellekt trifft auf sinnliches Spiel. Bei ihm gibt es nicht auf Lacher zielende Comedy, sondern knallhartes und mitunter bis an die Schmerzgrenze gehendes politisches Kabarett. Seine auf Entlarven des Politzirkus beruhende düstere Gesellschaftsutopie lautet, ,,Heuschrecken, Geiern und der FDP gehört die Zukunft". Dabei darf trotzdem gelacht werden, auch auf der Titanic wurde getanzt bis zum Untergang.
Von Jürgen Weser

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Montag 04.05.2009


Eine Frau mit Tigerinnendunst
Der Kabarettist Reiner Kröhnert bei Odeon

Deutschlands mächtigste Frau verströmt Tigerinnendunst und die männliche Politkonkurrenz wittert nur Unheil. Reiner Kröhnert entlarvte am Samstag bei Odeon, was selbst Schäuble und Stasi noch nicht wussten.

HANS STEINHERR


Reiner Kröhnert als Angela, Königin der Macht. Foto: Giacinto Carlucci

Göppingen  Angela sucht Rat. Die frivolen Attacken eines Unbekannten haben es geschafft, das Bollwerk ihrer erotischen Abwehrbereitschaft zu knacken. Was ist es nur, was den Unbekannten so antörnt? Ihr Wurzelhaar und der Tigerinnendunst. Parteifreund Friedmann weiß Rat. Nachgeben, empfiehlt er. Nachgeben sei die einzige Möglichkeit sich aufwallender Sehnsucht zu entziehen. Doch bevor Angela bereit ist nachzugeben, braucht sie Sicherheiten und eine zweite Meinung. Da sind sich die Schleimspur-Rivalen Hintze und Pofalla sogar einig. Standhaft bleiben, fordern sie. Nachgeben scheint ohnehin nicht Angelas Stärke zu sein. Was aber, wenn Liebe und Lust gegen politische Ratio Stellung beziehen? Wie re(a)giert dann Angela?
 
Reiner Kröhnert - unbestrittene Größe unter Deutschlands Politkabarett-Parodisten - ist mit seinem aufklärerischen Programm "Königin der Macht" seit gut zwei Jahren auf Tour. Dem Göppinger Odeon bescherte er am Samstagabend ein ausverkauftes Haus und vor laufenden TV-Kameras höchst aufschlussreich und unterhaltsam Einblick in politisches Mächte- und Intrigenspiel.
 

Schäuble entgeht nichts. Er schnuppert schließlich beständig an der Achsel des Bösen. Den Braten und den Duft der Wildkatze hat er längst gerochen. Da heißt es zusammenhalten. Ein geheimes Tribunal ehemaliger und von sich überzeugter Polit-Größen und Worte-Revoluzzer setzt sich zum Ziel, Angela intelligent und elegant zu entmachten. Reiner Kröhnert pendelt von rechts nach links. Vom schwarzen Königinnensessel in den Rollstuhl. Das und einen kasperltheatergroßen schweren Vorhang, mehr braucht er nicht auf der Bühne. Brillant wechselt er Mimik und Körpersprache und manchmal bedarf es nicht einmal mehr eines Wortes oder eines kopierten Tonfalls, damit der Zuschauer erkennt, wer da gerade parodiert wird. Schäuble, Friedmann, Kinski und natürlich Angela sind Kröhnert auf den Leib geschneiderte alter Egos - andere Ichs. Das ist perfekte Parodie. Kohl, Schröder, Stoiber sind im Heer der parodierten Putschisten.
 
Am Ende freilich hat Angela alle Lauscher selber abgehört und ausgetrickst und den Verfasser der schwülstigen Lyrik-SMS ausgemacht. Alles war nur eine Finte. Mit den Heuschrecken, den Pleitegeiern und der weiblichen Westerwelle bastelt sie längst schon an Deutschlands Zukunft.


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DIE RHEINPFALZ

06.04.2009

Stelldichein der Mächtigen in den Katakomben

Parodist Reiner Kröhnert lässt politische Prominenz von Merz bis Merkel auftreten — Statt platter Pointen Kabarett zum Mitdenken

VON REGINA WILHELM

NEUSTADT. Chapeau vor dieser Leistung. Dem Kleinkunstverein „Reblaus" ist es gelungen, eine ganze Phalanx an Politgrößen auf die kleine Bühne in den Katakomben des Jugenddorfs in Neustadt zu holen. so gaben sich am Samstag aktuelle und bereits demissionierte Macht- inhaber hier ein Stelldichein — alle in Person von Reiner Kröhnert.

Die Story scheint reichlich abstrus. Doch je weiter sie sich entwickelt, desto klarer wird sie, nimmt deutliche und gar nicht einmal so realitätsferne Konturen an. Im diffusen Rampenlicht taucht zunächst Klaus Kinski auf, ja, ja, er lebt, und zwar auf dem Dachboden seines „Stiefelknechtes" Werner Herzog. Zum Einstieg rezitiert Kinski Fran Villons „Ballade von der Mäusefrau" in seiner unnachahmlichen Weise, die einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Der leicht irre Blick richtet sich ins Leere, erzeugt wie bei den besten Wallace-Filmen eine gruselig-schaurige Atmosphäre. Das Objekt der Begierde des wahnsinnig-genialen Schauspielers ist die „Königin der Macht‘, die unnahbare Eiserne Lady Deutschlands, Bundeskanzlerin Angela Merkel. Per SMS, Mau und Brief bombardiert er sie mit erotischen Ergüssen, die nicht ohne Wirkung bleiben, ja sogar Regierung und Opposition auf den Plan rufen,

Szenenwechsel. Das Duo Kinski/ Herzog verlässt die Bühne, um später wieder zurückzukehren, Die Adressantin der Lust-Post holt sich nun Rat bei Michel Friedman, wie sie sich ob dieser obszönen Schreiben verhalten soll. Auch ohne die blonde Perücke wäre Kröhnert Angela Merkel. Da steht sie wie immer mit den Mundwinkeln nach unten und leicht vorgebeugt, die Hände nach oben in Abwehrhaltung, Sprache Lind Dialekteinfärbung perfektionieren die Figur. Ihre nüchterne Art verbietet es ihr, locker mit den anonymen Liebesbezeugungen umzugehen, Und den noch werden in ihrem Innersten Saiten angeschlagen, von denen sie nicht wusste, dass sie existieren; eine entflammte Powerfrau auf dem Erotik-Trip.

Aber nicht nur die Kanzlerin, auch die anderen Protagonisten, die der Kabarettist auftreten lässt, kommen fast wie die Originale daher. Der arrogante Friedman fläzt überheblich im Stuhl; Pofalla und Hinze, die sich gegenseitig des Schleimens zeihen — „Machen Sie die Kriechspur frei" — geben sich als ihrer Chefin dienstbare Geister. Und dann mischt sich Bundesinnenminister Schäuble ein. „Es geht auch ums Vaterland", fürchtet dieser um den schlimmen Einfluss der pornografischen Briefe. Im Rollstuhl sitzend, die Hände leicht ver schränkt, den Kopf geneigt, macht er sich tiefschürfende Gedanken über die Zukunft des Landes.

Kröhnert gelingt es trefflich, die Figuren zu parodieren. Ihre Gedankengänge wie auch ihre Ausdrucksweise wirken vollkommen realistisch, Wer könnte sich nicht vorstellen, dass Schröder „die Ossi-Pflaume Platzeck weggepustet" und er gemeinsam mit Struck den „ollen Provinzler Beck" abserviert hat?

Der mehrfach ausgezeichnete, in der Kurpfalz geborene Kabarettist bedient sich nicht nur platter Pointen. Er erwartet von seinem Publikum, dass es mitdenkt und in der Politik versiert ist. Nur der informierte Zuschauer kann Anspielungen verstehen, Zusammenhänge erkennen Lind letztendlich herzlich lachen.

Beim Showdown schließlich fährt Kröhnert alle Geschütze auf und gibt nochmals einen eindrücklichen Be weis seines Multitalents. Die Macho Männer, die fürchten, dass in Merkel ein kleiner Honecker steckt — auch der legt bekleidet mit einer russischen Fellmütze seine „sozialisdsch leninisdschen" Ansichten dar — sehen es als ihre Pflicht, die Kanzlerin abzuservieren. Schäuble, Kohl, Schröder, Merz, Stoiber, später ergänzt um Cohn-Bendit, überlegen bei ihrem konspirativen Treffen eine elegante Lösung, In dem Mehr-Parteien-Gespräch schlüpft Kröhnert naht- und problemlos von einer Figur in die andere. Aber Merkel düpiert die Jungs alle, schlägt sie mit Schäubles eigenen Waffen. Gemeinsam mit Wester welle plant sie, unterstützt von Graf Lambsdorff, statt der sozialistischen die neoliberalistische Revolution.

In einer herbei geklatschten Zugabe läuft Reiner Kröhnert mit einem Schäuble, der sich über die Probleme mit dem „ischd" auslässt, nochmals zu einer finalen Hochform auf.

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Donaukurier

23.03.2009

Wurzelhaar und Tigerinnendunst


Ingolstadt (DK) Schwarzer Sessel, schwarzer Rollstuhl, schwarzer Vorhang: Diese drei unauffälligen Requisiten benötigt Kabarettist Reiner Kröhnert für sein Programm "Königin der Macht" unter der Regie von Wolfgang Marschall. Kröhnert schlüpft in verschiedene Rollen so wie andere in ihre Socken schlüpfen. Ob als Hauptdarstellerin Angela Merkel im Gespräch mit Friedmann (Sessel), der Krisenstab um Wolfgang Schäuble (Rollstuhl) oder das Treffen mit Regisseur Werner Herzog und Klaus Kinski (vor dem Vorhang): Das Publikum wähnt sich in einem kurzweiligen Politkrimi mit sprachlich hervorragend dargebotenen Szenen.


Bild: Perfekte One-Man-Show: Reiner Kröhnert in der Fronte. - Foto: Rössle

Den Auftakt des fröhlichen Figuren-Reigens macht kein geringerer als der 1991 verstorbene Klaus Kinski, der als Steuerflüchtling bei "seinem" Regisseur Werner Herzog untergeschlüpft ist und von da aus der Bundeskanzlerin den Hof macht. Diese wird von ihm "schlüpfrig angesimst", ist hin- und hergerissen von wundersamen Worten wie "Tigerinnendunst", der "Zauber der Poesie" berührt sie an ihren "emotionalen Synapsen". Während Angela Merkel mit ihrer Gefühlswelt hadert, braut sich im Krisenstab um Innenminister Wolfgang Schäuble etwas zusammen: Es geht darum, die "männermordende Macht-Matrone mit miesen Manieren" "intelligent zu entsorgen". Mit von der Partie: Schröder, Kohl, Stoiber, Merz, Hinze, Profalla und Cohn-Bendit. Das ist ein bunter Reigen von knallharten Worten, Enthüllungen und Hinterlisten – die von Reiner Kröhnert geschaffenen Szenarien sind wahrlich vorstellbar und somit nicht nur zum Lachen. Wenn Sätze wie "Bitte unverzüglich die Kriechspur freimachen! Sie sind doch Schleim von Gestern" fallen, dann überträgt sich die auf Fakten basierende rege Fantasie des Politparodisten eins zu eins auf sein Publikum. Der "Beischlaf-Desperado" Seehofer kriegt dabei ebenso sein Fett weg wie Wolfgang Schäuble ("der beste Hausdetektiv ist immer noch ein ehemaliger Ladendieb"). Seiner Meinung nach spricht aus der Bundeskanzlerin "der leibhaftige Honecker", laut Friedrich Merz ist sie der "wiedergeborene Stalin, gefangen im Körper einer schlecht frisierten Frau". Reiner Kröhnert braucht allerdings noch nicht mal seine blonde Perücke, herabgezogene Mundwinkel und die perfekte Sprachimitation lassen "das Merkel" erschreckend echt erscheinen. Und während die Krisenstab-Mitglieder überlegen, wie sie die Bundeskanzlerin am besten loswerden, hat Angela ("Männer sind manchmal einfach zu doof!") alles im Griff und kämpft dank Lauschangriff gegen diese "Cerebralminimalisten" an der Seite von Guido Westerwelle für "den Endsieg des Neoliberalismus". Am Ende wendet sie sich statt dem liebeskranken Schauspielgott lieber dem stimulierenden Amtskollegen Sarkozy zu: "Er rieb sein leicht abstehendes rechtes Öhrchen an meinen knusprigen Knospen." Es ist die Genialität des Kabaretts, unausgesprochene Wahrheiten hinter einer Fassade aus Komik unter die Zuschauer zu bringen, und es ist wirklich ganz großes Kino, wenn ein Parodist zwei Stunden lang eine One-Man-Show mit derart perfekten Texten und sprachlicher Raffinesse in diversen Rollen abliefert. Hut ab vor Reiner Kröhnert!

Von Sandra-Isabel Knobloch

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Iserlohner Kreiszeitung

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Erotische Nachrichten von Kinski an Merkel

Reiner Kröhnert setzte im Iserlohner Parktheater Glanzlichter

Von Jennifer Katz

Klaus Kinski lebt. Regisseur Werner Herzog hat den Steuerflüchtling auf seinem Dachboden untergebracht. Von dort aus dichtet Kinski keine Geringere als Angela Merkel mit Francois Villons „Ballade von der Mäusefrau" an. Direkt im Anschluss zeigt sich die mächtigste Frau der Welt rat los, weil sie schlüpfrige Nach richten per SMS erhält. Manch mal sogar direkt in die Bundestagssitzungen „Seine Worte berühren meine emotionalen Synapsen, lassen mein Bollwerk der erotischen Abwehrbereitschaft bröckeln", gesteht Angela Merkel.

„Die Königin der Macht" hat Reiner Kröhnert sein Programm getauft, das er vor nahezu ausverkauften Rängen im Parktheater spielte. Wenn der Zuschauer es nicht besser wüsste, könnte er das vom Meister der Polit-Parodie geschaffene Szenario für bare Münze halten. Denn während „Ändschie" sich von Anspielungen wie „Wurzelhaar und Tigerinnendunst" ihres Verehrers völlig aus dem Konzept bringen lässt, formiert sich zeitgleich die mobbende Männerrunde. Da hat Wolfgang Schäuble schnell den Vorsitz übernommen, der Herr der Überwachung schnuppert nach eigenen Angaben an der „Achsel des Bösen" und hält die Frau aus dem „Oschten" für mehr als gefährlich. Und Ex-Kanzler Gerhard Schröder schmiedet mit Peter Struck Pläne, wie der „lästig-linken Quoten-Qualle Andrea Ypsilanti" Herr zu werden ist.

Jeder bekommt hier sein Fett weg: Schäuble schimpft über Heiner Geisler, der so „linkes Zeug schwätzt und als attac Mitglied quasi zu den Nachfolgern der Baader-Meinhof Gruppe" gezählt werden könne. Horst Seehofer wird vom Innenminister „Beischlaf deschperado" genannt.

Fast ohne Requisiten gelingt es Kröhnert, die Polit-Promis nahezu lebensecht auf die Bühne zu bringen und gleichermaßen vorzuführen. Im Sekundentakt wechselt der Mann mit

30 Jahren Bühnenerfahrung von einer Person zur nächsten und scheint selbst Genugtuung dabei zu empfinden, die Polit Posse zu präsentieren. Glanzlichter am laufenden Band, großes Theater und schauspielerisches Können - mehr geht nicht. Und die „Königin" behält das Zepter in der Hand.

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Wlz – Frankenberger Zeitung

 Dienstag, 30. September 2008

Reiner Kröhnert brilliert in der Korbacher Stadthalle

Korbach (resa). Er ist ein ganz normaler Typ, als er am Samstagabend um Punkt acht Uhr in der Korbacher Stadthalle die Bühne betritt. Ein kurzes Nicken, dann lässt Kabarettist Reiner Kröhnert die Kinnlade fallen – und von jetzt auf gleich beginnt ein parodistisches Spektakel, das seinesgleichen sucht.

Großansicht

Die Kanzlerin bekommt schlüpfrige Nachrichten, manchmal direkt in die Plenarsitzung. „Seine Worte berühren meine emotionalen Synapsen, lassen mein Bollwerk der erotischen Abwehrbereitschaft bröckeln", gibt sie zu und fast könnte man vergessen, dass hier nicht Angela Merkel selbst, sondern Parodist Reiner Kröhnert spricht. Der hat die Kinnlade fallen lassen, die fesche Frisur der Kanzlerin auf dem Kopf und trifft den Merkel-Ton. Und so absurd die Szenerie von der verliebten Kanzlerin auch ist, sie macht Spaß und eröffnet dem Publikum wunderbare Einblicke in das politische Berlin. Denn gemeinsam mit Kabarettist Reiner Kröhnert, der an diesem Abend die Saison des vhs-Kulturforums fulminant eröffnet, machen sich die Zuschauer auf die Suche nach dem Lustmolch, der vom Tigerinnendunst der Kanzlerin und ihrem Wurzelhaar schwärmt. Hilfesuchend wendet sich „Angie" an CDU-Kollegen Peter Hinze („ich bin der kleine Pastor von der Hallig Hoge"), der mit Kollege Ronald Pofalla um die Gunst der Kanzlerin kämpft. „Mach die Kriegsspur frei", näselt Kröhnert in bester Pofalla-Manier, „Sie sind doch der Schleim von gestern." Und dann läuft der große Mann mit dem klugen Witz zur Hochform auf, wechselt die Szene und bestreitet eine ganze Talkrunde alleine. Vom Rollstuhl aus lässt er Wolfgang Schäuble an der „Achsel des Bösen" schnuppern und köstlich schwäbeln („Datenschutz – des ischt Schnee von vorgeschtern"). Und während er Edmund Stoibers rhetorische Missgriffe zum Leben erweckt, Friedrich Merz Beschimpfungen in den Mund legt („die Merkel, die aufgeblasene Pseudo-Intellektuelle") und Helmut Kohl über sein kleines Mädchen nuscheln lässt, verdichtet sich der Verdacht, dass der Krisenstab, dem auch Daniel Cohn-Bendit und Wolf Biermann beisitzen, die Merkel loswerden will. Wer könnte da besser helfen als Gerhard Schröder, denkt sich die illustre Männerrunde. Der Ex-Kanzler will erst Freund Wladi anrufen, „der erledigt solche Dinge, ohne Spuren zu hinterlassen", kommt aber zu dem Schluss, dass gekonntes Mobbing es genauso gut tut. „Darin hat die SPD schließlich Übung", witzelt er. Den Platzeck, „die olle Ossi-Pflaume", habe er nur ordentlich zusammenbrüllen müssen, schon habe er einen Hörsturz gehabt – und der komme bekanntlich vor dem Fall. Was aber wenn die Merkel am Ende Unterstützung von „Latex-Luder" Gabriele Pauly bekommt (Schröder: „Mit der würde ich gerne mal koalieren"). Dringender sei es da, die Quoten-Quallen und Frustschnecken Ypsilanti und Nahles loszuwerden. Gut, dass keiner der Herren weiß, dass die Merkel im Hintergrund längst die Fäden in der Hand hat. Die nämlich hat Klaus Kinski als ihren lüsternen Verehrer enttarnt („er lebt, der Kinski lebt") und widmet sich nach einem eindrucksvollen Auftritt von Erich Honecker wieder ihrem Geschäft – der Kontrolle der männlichen Kollegen. Das Publikum ist begeistert, der Applaus endlos und die Zugabe zum Schreien komisch.

Veröffentlicht am 29.09.2008 21:54 Uhr
Zuletzt aktualisiert am 29.09.2008 21:55 Uhr

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  • Klaus Kinski verwirrt die Kanzlerin


    Den hat er auch noch drauf: Reiner Kröhnert als Erich mit der Pelzmütze.
    (Foto: -zin-)

     

    Münster. Bläulich schimmert das Mondlicht auf die Bühne, fällt auf zwei irre funkelnde Augen und eine irre zuckende Lippe. Die vertraute Stimme spricht Verse von François Villon. Kein Zweifel – Klaus Kinski lebt!

    Und es ist sein „geliebter Feind", der Regisseur Werner Herzog, dessen Stimme das Publikum aufklärt: Kinski, der geniale Berserker, sei nicht tot, er verstecke sich nur vor der Steuerfahndung in einer Dachkammer. „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund", verzehrt sich stöhnend der Wiedergänger Villons nach der Einen, dem „Falter in dem Wurme", den nur er allein erkennt: Der „Königin der Macht" – Angela Merkel!

    Zu Mozarts Musik wird sie kurz darauf um die Ecke watscheln und Michel Friedmann um Rat bitten, „bevor das Bollwerk meiner erotischen Abwehrbereitschaft bricht". Eine bizarr komische Konstellation, wie nur ein Reiner Kröhnert sie auf die Bühne bringt.

    Der Meisterparodist läuft außer Konkurrenz: Kein anderer Imitator hat die Parodie zu solcher Perfektion gesteigert. Er kann nicht nur das Timbre und den Dialekt, auch das Mienenspiel stimmt bis ins letzte Detail. Wenn Kröhnert seine Pappenheimer in großer Runde durcheinander schwadronieren lässt, reicht meist schon ein Stirnrunzeln, und die Zuschauer im Bürgerhaus Kinderhaus erkennen blitzartig das „Switchen" der Figuren. „Schäuble!" oder „Ah, Stoiber", raunt es durchs Publikum.

    Die Kanzlerin ist in erotischer Verwirrung ob all der Briefworte Kinskis von „Wurzelhaar und Tigerinnen-Dunst". Schon ist eine mobbende Männerrunde versammelt, die Verwirrte vom Thron zu stürzen. Den Vorsitz hat der Herr der Wanzen und Kameras, der an der „Achsel des Bösen" schnüffelt: Big Schäuble is smelling you. Die Frau aus dem „Oschten" sei gefährlich. Da sind sich alle einig – sogar altlinke Kämpfer wie Cohn-Bendit oder Wolf Biermann. Schröder und sein Kumpel „Strucki" haben sowieso alles Rote schon weggemobbt – nur die „Frustschnecken" Nahles und Ypsilanti sind noch übrig. Allein Zwei plädieren für Merkel: Hintze und Pofalla, die sich gegenseitig auf der Kriechspur überholen. Als wären alle leibhaftig anwesend! Nur der Dicke aus Oggersheim hat zu wenig Bass.

    In Wirklichkeit aber hat die Königin der Macht alle Fäden in der Hand und Kröhnert bis zum Schluss noch manche Finte parat. In seinem irren Panoptikum entlarvt sich jeder Sprücheklopfer selbst. Und andere Kabarettisten tun einem fast schon leid.

    VON ARNDT ZINKANT, MÜNSTER

    29 · 09 · 08

    URL: http://www.mv-online.de/lokales/muenster/kultur/?em_cnt=702899&em_loc=126

    © Münsterländische Volkszeitung - Alle Rechte vorbehalten 2008

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05.August 2008

Die Merkel wird zum Ferkel


Waidwunder Blick, blonde Perücke: Mit minimalistischem Aufwand verwandelt sich Reiner Kröhnert in Angela Merkel, die "Königin der Macht". Foto: Kreutzer

Von Nicoline Pilz.

Weinheim. Bundeskanzlerin Angela Merkel könnte getrost ein Sabbatjahr nehmen oder an der Mecklenburger Seenplatte dauerangeln, es würde keinem auffallen. Nicht, wenn Reiner Kröhnert ihren Job übernimmt. Der Kurpfälzer mit Schriesheimer Wurzeln gibt in seinem siebten Soloprogramm "Königin der Macht" ein derart verblüffendes Merkel-Double, dass dem Publikum im Schlosshof der Kiefer tiefer klappt.

Und der Wahnsinn dabei ist, dass Merkel auch gleich noch ihren Innenminister Schäuble, Hintze und Pofalla, Edmund Stoiber und eigentlich das ganze Politikergedöns mit zum Angeln nehmen könnte. Kröhnert ersetzt sie alle. Das gelingt ihm mit minimalistischem Aufwand und einem Höchstmaß an Effektivität. Da geht die Stimme ein wenig rauf oder runter, werden die Mundwinkel verzogen oder die Schulter ein wenig hoch geruckt – das ist alles, was Kröhnert braucht, um per Wimpernschlag zur anderen Person zu werden. Die blonde Perücke, mit der er anfangs als "Angie" vors Publikum tritt, benötigt er schon bald nicht mehr: Dieser schlackernde Gang, dieser waidwunde Grasdackelblick, das ist unverkennbar Merkel.

Und es ist Kröhnerts Verdienst, dass das hingerissene Auditorium in Weinheim unser aller Kanzlerin endlich als Frau wahrnimmt. Merkel wird da zum kleinen Ferkel mit erotischen Gedanken. Horst Seehofers leicht angeschmuddelter Charme macht sie ein wenig schwach: "Aber nur, wenn nix anderes da ist." Beim vorletzten Schlosshoftermin im Rahmen des Kultursommers entwirft Kröhnert ein derart schräges Szenario, dass man es schon wieder für realistisch halten könnte. Trauen wir Politikern, diesen Profilneurotikern, nicht eh alles Schlimme zu? Zumal in einer zunehmend flächendeckend verwanzten Gesellschaft? Und warum nicht glauben, dass Merkel in Wahrheit der wiedergeborene Stalin im Körper einer schlecht frisierten Frau ist? Und warum soll es denn nicht möglich sein, dass Klaus Kinski gar nicht tot ist, sondern auf der Flucht vor der Steuerfahndung auf dem Dachboden seines Stiefelknechts Werner Herzog lebt und von dort aus Merkel, das Objekt seiner expressiven Leidenschaft, mit schlüpfriger Poesie zusimst? Kröhnerts Kabinett des Wahnsinns bietet derart verführerisch Irres, dass es schon wieder wahr sein könnte.

Denn während der Kanzlerin Bollwerk erotischer Abwehrbereitschaft zu bröckeln beginnt und Kinskis Lieblingsdichter Villon sie an ihren emotionalen Synapsen berührt, lädt Schäuble die Altbundeskanzler Helmut Kohl und Gerhard Schröder, Friedrich Merz und Edmund Stoiber zum Tribunal. Ihr Ziel: Merkel muss entsorgt werden, denn das größte Sicherheitsrisiko ist nicht mehr der Islamismus, sondern die Kanzlerin, aus der der leibhaftige Honecker spricht.

Kröhnert, seit fast 30 Jahren auf der Bühne daheim, mischt in diesem aberwitzigen Spektakel intelligentes Politkabarett mit einer gehörigen Prise Schauspielkunst und Theaterdonner – eine eigenwillige Mischung mit erstaunlichen Ergebnissen. Das macht enorm viel Spaß auch ohne   Schenkelklopfen.

 

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Kinski mit Merkel

05.06.2008 - aktualisiert: 05.06.2008 05:13 Uhr

Reiner Kröhnert und "Die Königin der Macht" im Renitenz
 

Ein schönes Stück hat sich der Kabarettist Reiner Kröhnert da ausgedacht: Klaus Kinski ist gar nicht tot, sondern haust als Steuerflüchtling bei Werner Herzog unterm Dach. Mit den Worten von François Villon dichtet er dort keine Geringere als Angela Merkel an. Eine Szene später berät sich die so Verehrte mit ihren Hofschranzen, was sie mit den per SMS anonym übermittelten erotischen Avancen anfangen soll. Fast wie im Film wird hart umgeschnitten auf einen Krisenstab namhafter Politiker. Sie wittern in der Bundeskanzlerin eine Altkommunistin, die der Honecker-Herrschaft zu spätem Sieg verhelfen will. Wer am Ende gewinnt, verraten wir nicht.

Kröhnert stellt alle diese Gestalten im Renitenztheater selbst dar, er fällt blitzartig von einer Rolle in die andere und braucht dazu nur drei Requisiten: eine Merkel-Perücke, die ihn verblüffend ähnlich wie die Kanzlerin aussehen lässt, einen Rollstuhl, in dem Innenminister Schäuble sitzt, und eine Krücke, auf die sich zuletzt Otto Graf Lambsdorff stützt. Alle anderen Verwandlungen zaubert der famose Lachkünstler mittels Gestik, Mimik, Stimmlage und mundartlicher Färbung auf die Bühne.

Von unser aller Richling unterscheidet sich der aus Nordbaden stammende Parodist vor allem dadurch, dass er"s langsam angehen lässt. Eher bedächtig entfaltet er ein satirisches Sittengemälde, sorgsam die Worte wägend - womöglich mit dem Anspruch, politisches mit literarischem Kabarett zu verbinden. Der Wechsel der Ebenen und Zeiten bis über den Tod hinaus tut ein Übriges, dem Abend künstlerische Weihen zu verleihen. Genaues Hinsehen und Mitdenken ist allerdings gefragt, wenn sich Kröhnerts Humor im Saale breit machen soll. Das Renitenztheater, wo er einst seine Laufbahn im Hausensemble begann, hat ein solch aufmerksames Publikum. bwk

Weitere Auftritte am Freitag und Samstag um 20 Uhr sowie am Sonntag um 18 Uhr
 

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Süddeutsche Zeitung  vom 16.05.2008

Münchner Kultur

Stalin in Merkels Körper  

Der Kabarettist Reiner Kröhnert in der Lach- und Schießgesellschaft

Klaus Kinski sitzt im Sessel und rezitiert François Villons „Ballade von der Mäusefrau”. Eine Reminiszenz an längst vergangene Zeiten? Nein. Reiner Kröhnert deckt in seinem Programm „Königin der Macht” in der Lach- und Schießgesellschaft auf, was keiner für möglich hält und doch jeder gern glauben will: Klaus Kinski lebt. Werner Herzog hat ihn auf seinem Dachboden vor der Steuerfahndung versteckt. Dort sitzt er jetzt also, rezitiert und – schwärmt. Keine Geringere als Angela Merkel hat es ihm angetan: „Wie meine Träume sie umkreisen, für die kein andrer solches fühlt.” Ihr schickt er Verse und bringt sie so aus der Fassung, dass sie um das „Bollwerk ihrer erotischen Abwehrbereitschaft” fürchtet.

Die Verwirrung der Kanzlerin kommt Wolfgang Schäuble wiederum gerade recht. Er deckt ihre Gefühlswallungen mittels umfassender Abhörmaßnahmen auf und plant mit Gerhard Schröder, Edmund Stoiber und Helmut Kohl den Kanzlerinnenmord oder zumindest -sturz. Sie versteigen sich in Verschwörungstheorien, in denen die Merkel bis heute aktives Stasi-Mitglied, ja „der wiedergeborene Stalin, gefangen im Körper einer schlecht frisierten Frau” sei.

Reiner Kröhnert schreckt vor nichts zurück in seinem Programm, er bringt zusammen, was nicht zusammen gehört, aber erstaunlich gut zusammen passt. Er schraubt sich in immer abstrusere Querverbindungen und entführt seine Zuschauer in ein Panoptikum der Eitelkeiten, das sich Bundesrepublik Deutschland nennt.

ANNE FRITSCH

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MÜNCHENER ABENDZEITUNG DONNERSTAG , 15 .5.2008 WWW.ABENDZEITUNG.DE

LACH & SCHIESS: POLITPARODIST REINER KRÖHNERT

Gesimste Liebeslyrik

 

Parodien von Politikern sind ein eher zweischneidiges Schwert des Satirikers: Nuancen entscheiden,

ob erhellendes politisches Kabarett gelungen oder eine Nummer nur ein Schenkelklopfer auf Kosten

anderer ist. Reiner Kröhnert hat die Politiker-Imitation nicht nur zu seiner Lebensaufgabe

gemacht, sondern auch zu einer Theatergattung entwickelt, deren virtuosester Vertreter er selbst ist.

Mit minimalen, fast ausschließlich schauspielerischen Mitteln erzielt er maximale Wirkung: Eine kaum

merkliche Änderung der Haltung, ein leichtes Verlagern der Mundwinkel, unauffälliges Verrutschen

der Stimme, und schon wird aus der Bundeskanzlerin ihr Hintze oder Pofalla auf der „Kriechspur".

In seiner aktuellen Show „Königin der Macht" lässt der Parodist aus der Kurpfalz nicht nur wieder

alle Gestalten aus dem politischen Milieu antreten, sondern auch Klaus Kinski, der nicht tot ist,

sondern auf der Flucht vor derSteuerfahndung auf dem Dachboden seines „Stiefelknechts"

Werner Herzog Asyl fand. Dort betört ihn der „Tigerinnendunst" von Angela Merkel, deren „sinn-

liche Synapsen" er mit gesimster Liebeslyrik im Villon-Sound in Wallung bringt. Was Kröhnert in

der Lach & Schieß zeigt, ist ebenso ein bizarres Künstlerdrama wie ein durchgeknallter Politthriller,

der umso realistischer scheint, je weiter er sich von aller Wahrscheinlichkeit entfernt.

Mathias Hejny

Lach & Schieß, bis 24. Mai, Di – Sa, 20 Uhr, & 39 19 97

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www.kn-online.de

nordclick/kn vom 02.04.2008 01:00:00

Poesie unterm Parodiepapier

 

Erweist sich in seinen Parodien als Minimalist: Reiner Kröhnert.Foto Schaller

Erweist sich in seinen Parodien als Minimalist: Reiner Kröhnert. Foto Schaller

Kiel – Rotes Poesielicht, aus dem mit bebenden Lippen ein Wiedergänger seine lüsternen Verse schnitzt. Klaus Kinski ist von den Untoten auferstanden und wähnt sich als einziger fähig, „den Falter im Wurme zu sehen, das Bütten unterm Packpapier“ jenes „tigerinnendünstenden Wurzelhaars“, das unsere Kanzlerin nur leidlich schmückt.
Wer nur hinhört im ausverkauften KulturForum, meint den Leibhaftigen vor Ohren zu haben, wer auch hinsieht, erkennt in der Lippen fletschenden Grimasse erst auf den zweiten Blick den Parodisten Reiner Kröhnert. Der sich blitzschnell vom liebeskeifenden Kinski in dessen jovialen Mentor Werner Herzog verwandelt, um wenig später mit dem typischen Flunschmund und Tänzelschritt – die „Wurzelhaar“-Perücke braucht er nur gelegentlich als Requisite – als Angela Merkel hinter dem Szenenvorhang hervorzutreten. Beginn eines Reigens von gegenwärtigen bis ewig-gestrigen Politikern – vom verfolgungswahnsinnigen Schäuble („auch ich roch an der Achsel des Bösen“) und den Wetteiferern auf Merkels generalsekretierender Kriechspur Hintze und Pofalla über die „Elder Statesmen“ Schröder, Kohl und Honecker bis zu den Antipoden Stotter-Stoiber und Revoluzzer-Rhethoriker Cohn-Bendit. Um nur einige zu nennen, die Kröhnert im virtuosen Dia-, Tria- bis zum Heptalog durch sein Pandämonium der real existierenden Politik treibt.
Im Parodieren erweist sich Kröhnert als Minimalist, dem neben den perfekt imitierten Stimmen, genauer: deren Sprachgesten, und typischen Wendungen wie etwa Schröders „Jetzt aber mal im Ernst“ allein die Körperhaltungen genügen, um seine Pappkameraden authentisch lebendig werden zu lassen. Ein Fest beständiger Verwandlungen im Zehnsekundentakt, wenn der Krisenstab tagt und überlegt, wie die Männerriege Merkel entsorgen könnte. Denn die von Kinskis „schlüpfrigen SMS“ erogen Entfachte wird zum Sicherheitsrisiko. Freilich hat die Königin der Macht das Spiel längst durchschaut und die Männer zu Marionetten ihrer selbst gemacht – und des Parodisten, der sie sich selbst decouvrieren lässt und zur Kenntlichkeit entstellt.
Das Erstaunliche an Kröhnerts Politparodien ist die Poesie, die unter den Charakterfresken hervorlugt wie ein Kassiber des Kabarettisten. So wird Honeckers letzte Rede wider den „faschstsch-imperialistschschn“ Klassenfeind trotz aller typischer Nuscheleien des Fistelstimmigen zur rhetorisch ausgefeilten Suada, der man fast nachjubeln möchte. Und selbst Schäuble scheint metaphernschwangerer als „in Wirklichkeit“. Von Kinskis Minnesang in „Krüppelversen in die morsche Rinde meiner Seel' geritzt“, zuweilen gar im elegischen Distichon gereimt, nicht zu schweigen. Inmitten der Lachsalven ob solcher parodistischer Punktlandungen entsteht so eine Art „V-Effekt“, ein lyrischer Unterton, der aus dem lachhaften Ränkespiel zwischen Liebe, Macht und Intrige eine wahrhaft „Göttliche Komödie“ generiert – oder auch ganz großes, ernstes Theater.
Von Jörg Meyer

 


Im Internet finden Sie diese Meldung unter der URL:
http://www.kn-online.de/artikel/2333259

 

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Kabarett: Kröhnert trifft alle - auch die Kanzlerin

HAMBURG -

Politiker zu parodieren ist das eine, daraus ein Theaterstück zu machen, große Kunst. Reiner Kröhnert kann beides. Der seit 20 Jahren auf dem Felde der mimischen und stimmlichen Überzeichnung herausragende Kabarettist lässt auch in seinem jüngsten Streich (Regie: Wolfgang Marschall) nicht von der Kanzlerin ab: Um die "Königin der Macht" hat er eine Posse konstruiert, die bei der Premiere im Lustspielhaus faszinierte und amüsierte.

Überwachungsstaat, Turbo-Kapitalismus und Stasi-Verstrickungen - Themen, die Kröhnert parodistisch angeht. Den Krisenstab um "Big Brother" Wolfgang Schäuble, Kohl, Schröder, Stoiber und Merz eint ein Ziel: die Absetzung von Merkel! "Wenn die Alte ungehindert am Markt bleibt, macht sie noch den Weg frei für alle Quotenquallen des Postfeminismus", wettert Schröder. Ein weiterer Brüller: der Dialog von "Gerd" mit dem Genossen "Strucki" und der Forderung "BMW = Beck muss weg!" Aber auch die CDU trifft Kröhnert mit Parodien auf die Generalsekretäre Pofalla ("Der Limbo-Meister unter den Duckmäusern") und dessen Vorgänger Peter Hintze. Und an Michel Friedman und Wolf Biermann hat sich bisher auch noch keiner gewagt. Ob nun sie oder der ewig schlüpfrige Merkel-Verehrer Klaus Kinski mitsamt "Stiefelknecht" Werner Herzog - alle haben die Rechnung ohne "Angie" gemacht. Die gibt Kröhnert mal mit, mal ohne Perücke, allein ihr aufrechter deutscher Gang erheitert.

· Königin der Macht bis Sa 9. Feb., jew. 20 Uhr, Lustspielhaus, Ludolfstr. 53, Kartentel. 55 56 55 56.

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erschienen am 7. Februar 2008

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08.01.2008 / Berlin/Brandenburg / Seite 19

Erotisch grundiertes Polittheater

Reiner Kröhnert agiert als »Königin der Macht« im Tränenpalast in der Urania

Von Tom Mustroph

Wozu braucht dieses Land Bundestag und Bundesregierung, wenn es doch bereits Reiner Kröhnert hat? Der vor 50 Jahren im badischen Schriesheim geborene heutige Komiker hat nämlich das Potenzial, das gesamte Politpersonal seit der Erfindung des Fernsehens in Stimme, Gestus und Denkstruktur zu verkörpern.

Er ist der sich proletenhaft gebende und an den eigenen Witzlein sich berauschende Gerhard Schröder, er kitzelt die Banalität aus dem sonoren Organ Peter Strucks. Phänomenal seine Hände reibende Interpretation vom Innenminister und Oberüberwacher Wolfgang »Big Schäuble«. Klasse getroffen das »Kriechspur«-Duo Hintze und Pofalla.

Da in seinem aktuellen Programm »Königin der Macht« im Tränenpalast aber nur eine im Mittelpunkt stehen kann – Angela Merkel, die Kröhnert von der Betonfrisur über die hängenden Wangen und den bekannten farblos-nachdrücklichen Sprachgestus bis hin zum saloppen Hüftschlenker perfekt simuliert –, werden auch prägende Ost-Figuren wie Erich Honecker und Wolf Biermann aufgeboten.

Honeckers dünnes Stimmchen darf die Linkspartei als revisionistische Gurkentruppe abfertigen, während Biermann stereotyp in Kommunistenhass baden kann. Weil Merkel außerdem eine Frau ist, kommt die Komponente Liebe und Begehren ins Programm. Ausgerechnet Womanizer Klaus Kinski – sein Tod ist aus Steuergründen vorgetäuscht – ist schon aus der Ferne dem »Wurzelhaar« und dem »Tigerinnendunst« der Kanzlerin erlegen und bombardiert sie mit schlüpfrigen SMS.

Regisseur Werner Herzog als selbst ernannter Diener des blondbösen Schauspielgenies und gleichzeitiger Inszenierer der wöchentlichen Angie’schen Internetansprachen ans Volk arrangiert eine Begegnung der beiden. Die von den Fernbotschaften aufgewühlte Kanzlerin gerät nun in Gefahr, auch bei Attacken politischer Gegner oder – noch schlimmer – Parteifreunde, durchlässiger zu werden. Schäuble, der sich genussvoll als »Big Schäuble isch watching you« und, noch besser »Big Schäuble isch schmelling you« in Positur bringt, versammelt all jene bei Merkels Weg an die Macht zur Seite gerollten einstigen politischen Schwergewichte. Er hat seine Chefin abgehört und deren bedenkliche, mit MfS-Raffinesse bislang verborgene Neigung zum Marxismus-Leninismus aufgespürt. Während Schäuble und Schröder sowie Kohl und Merz nun im Namen der Demokratie über eine Badewannenlösung à la Barschel nachdenken, hat die listige Angie indes Big Schäuble selbst abgehört und schmiedet ihrerseits an schönen Machtkonstellationen.

Kabarettist Reiner Kröhnert bewegt sich voll offensichtlichem Genuss in diesem absurden Szenario. In Sekundenschnelle wechselt er von Figur zu Figur und offeriert ein erotisch grundiertes Politpuppentheater von hohem Amüsement.

Vom 9.-11., 15.-20., 23.-27.1., und 30.1.-2.2., 20 Uhr, Tränenpalast, Urania, An der Urania 17, Schöneberg, Tel.: 20 61 00 11, www.traenenpalast.de

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/122028.html

 

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7. Januar 2008

Angela Merkel, die "Königin der Macht", in der Urania

Reiner Kröhnerts verrückte Politparodie könnte wahr sein

Der alte Klaus Kinski lebt - und leidet! Nicht nur, weil ihn ausgerechnet Regisseur Werner Herzog seit Jahren vor der Steuerfahndung versteckt, für den oberexzentrischen Schauspieler eine Hölle marodierender Mittelmäßigkeit, sondern auch, weil der wüste Mime nach dem Tigerinnendunst von Angela Merkel lechzt. Deshalb schickt er ihr gleich tonnenweise verruchte Liebeslyrik. Angie fährt die laszive Sprachgewalt durch Mark und Mieder. An Regierungsroutine ist da wirklich nicht mehr zu denken.

Von Big Brother Wolfgang Schäuble komplett verwanzt, ahnt sie nicht, dass jede ihrer Bewegungen aufgezeichnet wird. Bald schon tagt der Krisenstab politischer Feinde und bastelt am Sturz der Kanzlerin. Für ihren Vorgänger Gerhard Schröder eine klare Sache: "Wenn die Alte ungehindert am Markt bleibt, macht sie noch den Weg frei für alle Quotenquallen des Postfeminismus."

"Königin der Macht", der neuste Streich von Reiner Kröhnert, dem Zen-Meister der Politparodie, kommt bei der Berlin-Premiere in der Urania fast wie ein Theaterstück daher.

Der Satiriker aus der Kurpfalz hat ein derart verrücktes Szenario mit so lebensechten Figuren entworfen, das es schon wieder wahr sein könnte. Wie wir wissen, ist in der Welt der Politik ja auch einfach alles möglich. Zumal unter der komödiantischen Oberfläche das greifbar nahe Schreckgespenst des totalen Überwachungsstaates und des Turbokapitalismus lauert.

Reiner Kröhnert bedarf für seine perfekten Karikaturen kaum einer Requisite: Er tänzelt wie Merkel im Schulter-Pass-Gang mit wackelndem Kopf. Dann kriecht er als Duckmäuserduo Peter Hintze und Ronald Pofalla über die Schleimspur, tritt als stimmlich starker Peter Struck mit kernigen Sprüchen auf und holt trickreich seine Lieblingsfiguren aus der Vergangenheit zurück. Wir begegnen an diesem Abend einem ungewohnt bissigen Helmut Kohl und einem bis zum Anschlag nuschelnden Erich Honecker, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Eine hinreißende Polit-Posse mit vielen Glanzpunkten.

Urania

An der Urania 17, Schöneberg,

Tel.: 20 61 00 11. Vorstellungen: 9.-11., 15.-20., 23.-27. & 30. Januar bis 2. Februar, jeweils 20 Uhr.

Königin der Macht

Ulrike Borowczyk

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Wiesbadener Kurier

vom 17.Dezember 2007

Kinski lebt und betet Angie an

Pariser Hoftheater: Reiner Kröhnert parodiert die "Königin der Macht"


Kabarettist Reiner Kröhnert führt mit "Angie" ein groteskes Polit-Panoptikum vor. wita/Stotz
 
Von Peter Müller

WIESBADEN Kinski lebt! Immer noch oder wieder - das ist so genau nicht überliefert. Aber vielleicht hatte er sich ja tatsächlich nur vor der Steuerfahndung auf dem Dachboden verkrochen. Auf jeden Fall ist der Ober-Exzentriker weiterhin ziemlich wild auf einen Erdbeermund. Und "de Klaus" wird bei dieser Suche nach ultimativ sinnlicher Ekstase und künstlerischer Erlösung natürlich unterstützt von einem devoten Adlaten: Starregisseur Werner Herzog. Als bekennender Stiefelknecht des hassgeliebten Schauspielgenius hat er einiges zu moderieren, denn Kinskis aktuelles Objekt der animalischen Begierde ist ausgerechnet "Äindschi" - die "Königin der Macht".

Ihr schickt er, betört von Wurzelhaar und Tigerinnendunst, schlüpfrig triefende Liebeslyrik ins Kanzleramt, wahlweise satanische SMS-Verse direkt in den Plenarsaal - Angelas Bollwerk erotischer Abwehrbereitschaft bröckelt. Fast regierungsunfähig holt sie ostalgisch lispelnd Rat ein - bei Parteifreund Friedman, der allerdings noch nie "einer schä(n)dlichen Versuchung widerstanden" hat.  

Also vielleicht doch eine Zweitmeinung von der Kriechspur, wo Pofalla mit Pastor Hinze um die Wette schleimt, gegen Rainer Langhans und das "unsägliche 68-er-Erbe wild kopulierender Kommunarden" wettert. "Halt!" tönt es dann aber von der rollenden Kommandozentrale, wo "big brother" Schäuble die Stopptaste drückt: "War gar nicht live, alles Aufzeichnung!". Es wird nämlich fleißig observiert, verwanzt und festplattenunterwandert in Orwell-Land, das den Generalverdacht in einem schrulligen "Merkel muss weg"- Krisenstab feiert: Brioni-Belzebub Schröder, "ääähhh"-Stoiber, "Ich war dabei" - Dauerrevoluzzer Cohn-Bendit, Bierdeckel-Merz und Bimbes-Kohl - Reiner Kröhnert, der Zenmeister der Parodie hat sie alle versammelt. Und kein Szenario scheint dem genialen Imitator aus Kurpfalz zu bizarr, als dass er es in seinem grotesken Polit-Panoptikum nicht vorführen könnte. Die Person auf das Klischee reduziert, Gestus und Attitüde zur Posse überzeichnet, formt Kröhnert großartige Karikaturen, die erschreckend nah am Original sind.

Requisiten braucht er dazu auch im restlos ausverkauften Pariser Hoftheater kaum: Ein Sessel, Schäubles Rollstuhl, Merkels Wurzelhaar und die schon kultige Honecker-Gedächtnis-Pelzmütze - das muss genügen, um dennoch Liebe und Tod, die großen Motive des Theaters, mit Intrige und Macht, den großen Themen der Politik, zu einem bissigen, aber eben auch virtuosen Ganzen zu verschränken. In diesem wahnwitzigen Bühnenkosmos ist dann einfach nichts unmöglich: "Angi" trifft andere "Quotenquallen des Post-Feminismus" und der liebestolle Herr Kinski sabbert "Holla die Waldfee" seiner Angebeteten ins blasse Antlitz. "Die Königin der Macht" aber hat mit Guido Westerwelle längst zum schwarzgelben Gegenschlag ausgeholt. Neoliberal, oder so.

              

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Pikante Probleme der Politik

19.10.2007

Von Peter Dietrich

Nicht nur Elvis lebt, auch der angeblich 1991 verstorbene Klaus Kinski. Denn in Wirklichkeit hat Regisseur Werner Herzog den Schauspieler vor der Steuerfahndung auf dem Dachboden versteckt. Von dort schreibt Kinski schlüpfrige Texte an Kanzlerin Angela Merkel. So beginnt Reiner Kröhnerts siebtes, genussvoll-bissiges Soloprogramm „Königin der Macht".Requisiten setzt Kröhnert nur sparsam ein - einen Sessel, einen Rollstuhl, seine Angela-Perücke. Doch mehr braucht er nicht, denn er begeistert mit Gestik, Mimik und wandlugnsfähiger Stimme. Zur ersten Aufführung bei den Galgenstricken kam ein altersmäßig gemischtes Publikum. Mit hörbarem Vergnügen verfolgte es Kröhnerts schnelle Verwandlungen - manchmal wechselte er seine Rolle mitten im Satz.Was macht Angela, als sie jeden Tag schlüpfrige Briefe bekommt, die SMS-Nachrichten sogar mitten in der Plenarsitzung eingehen? Sie tut das, was man von ihr erwartet: Sie holt Rat. Vielleicht hätte sie das nicht beim Parteigenossen Michel Friedman tun sollen, der zu ihr meint, er „habe noch nie einer schädlichen Versuchung widerstanden". Also ab zur Zweitmeinung, um die zu geben sich Roland Pofalla mit einem Pastor auf Hallig Hooge streitet. Der Pastor brandmarkt Michel Friedmans Rat, sich gehen zu lassen, als „satanische Verse", Pofalla wettert gegen „das unsägliche 68er-Erbe wild kopulierender Kommunarden".Halt, schaltet sich ein glänzend gespielter Wolfgang Schäuble ein, was Sie bisher gesehen haben, das war gar nicht live - das waren alles Aufzeichnungen. Die müssen sein, wenn eine Nation unter Generalverdacht steht, wenn sogar Heiner Geißler bei Attac Mitglied wird, jenem direkten Nachfolger der Baader-Meinhof-Bande.

„Beck muss weg"

Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat da ein ganz anderes BMW-Problem: „Beck muss weg." Doch wie soll das gehen, diskutiert Schröder mit Peter Struck, trotz Becks völliger Mobbingresistenz? Wenn weder die geschulte VW-Brasilianerin noch der als Weinkönigin verkleidete Stricher etwas ausrichten kann? Wenn als Ergebnis der Steuerfahndung Beck nur eine große Rückzahlung bekommt, die er dann auch noch spendet?

Doch es kommt noch schlimmer, denn Angela kündigt ihre Autobiographie an. Das sieht für Schäuble, Kohl, Merz, Schröder und Stoiber gar nicht gut aus und führt zur Krisensitzung. Wie kann die „olle Fregatte" (O-Ton Schröder) am besten versenkt werden? Denn, so befindet Krisenstabsleiter Schäuble, das größte deutsche Sicherheitsrisiko sei nicht mehr der Islamismus, sondern Angela Merkel. Überhaupt, wie ging das damals im Osten, dass die Pfarrerstochter trotzdem Physik studieren konnte? Ist die Angi gar eine verkappte Kommunistin? Da hilft es auch nicht, dass Pofalla und Peter Hintze für sie die Hand und mehr ins Feuer legen. Muss Schröder eine SMS an seinen Freund Vladimir schicken?

Doch die Kanzlerin schafft sie alle, hat sie doch selbst die falschen Spuren nach links gelegt und längst Schäubles Rollstuhl verwanzt. Während sie in aller Ruhe mit ihrem politischen Partner am Sieg des Neoliberalismus arbeitet: „Männer sind manchmal einfach zu doof, wie siehst du das, Guido?"

Nach zwei Stunden, bevor die mühsam antrainierten Sprachfehler zu sehr an ihm kleben bleiben, verabschiedet sich Kröhnert. Mit viel Beifall - und einer bösen Klimarede von Angela.

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Westfalenpost 13.10.2007

Politprominenz mit minimaler Mimik und Gestik auf der Bühne

Kabarettist Reiner Kröhnert begeistert mit neuem Soloprogramm „Königin der Macht"

Von Gabriele Schmitz

Belecke. Während die meisten seiner Kollegen in das publikumssichere Comedygenre gewechselt haben, hält er unbeirrt das Erbe der fast ausgestorbenen Politparodie à la Hans-Dieter Hüsch oder Dieter Hildebrandt hoch. Reiner Kröhnert gastierte am Donnerstag mit seinem neuen Soloprogramm „Königin der Macht" in der Theateraula. Mit straßenköterblonder Pagenkopfperücke, herunterhängenden Mundwinkeln und tranigem Blick betritt Kröhnert die Bühne. Die hochgezogenen Schultern lassen das schlabberige Männerjackett zu eng wirken, sorgen für einen winzigen Radius der Arme. „Schlüpfrige Briefe" Mit trippelnden Pinguinschrittchen watschelt er zum Bühnenrand, wippt kokettschüchtern mit den Knien, den Kopf immer leicht nach vorn gestreckt. Da bedarf es keiner Akustik — Gestik und Mimik sind von verblüffender Ähnlichkeit: Angela Merkel lässt bitten... und noch einige Sekunden wirken, dann lispelt´und knödelt sie los. „Ich bekomme schlüpfrige Briefe!" Als sei dies nicht schon suspekt genug, setzt Kabarettist Kröhnert noch einen drauf: Die anstößige Liebeslyrik wird nämlich vom wiederauferstandenen Klaus Kinski verfasst. Regisseur Werner Herzog hatte ihn lediglich ein paar Jährchen auf dem Speicher versteckt, um mit ihm ein „cineastisches Meisterwerk" zu schaffen. „Der Klaus" tobt auch bald „herrlich impulsiv und animalisch" über die Bretter und schwankt zwischen aggressivem Arroganzgezeter („Halts Maul, Herzog. Du weißt doch einen Scheiß!"), kraftvoller Pornoprosa und starken Romantikreimen hin und her: „Ich warte auf ein Liebeszeichen. Dein wildes Wurzelhaar greift wie Tentakel nach meinem Schoß. Ich fühle dies mit meinem Herzen, geschrieben ist’s mit meinem Blut!" So viel auf sie zentrierte Erotik stürzt Frau Merkel in eine emotionale Krise. Bevor ihr „Bollwerk der Gegenwehr" endgültig vor dieser machtvollen Sprachgewalt kapituliert, sucht sie Rat bei den Kollegen Friedman, Hinze und Pofalla. Während Michel Friedman zur (erotischen) Affäre rät, warnen die beiden anderen vor dem „langhaarigen Haremsführeraus den 68-ern und seinen satanistischen Versen". Aber auch die alte Garde der missgünstigen Parteiproleten lässt Kröhnert mitmischen. Pointiert und effektiv, schauspielerisch auf das Wesentliche reduziert, taucht die Schäublesche Kommandozentrale auf. Hier bohrt Kröhnert böse in die Affären aller Versammelter: Kohl, Schröder, Merz, Stoiber und Co. — alle bekommen sie ihr Fett ab — und glauben sich doch auf der sicher (verwanzten) Seite: „Schäuble is watching and smelling you!" Gemeinsam versuchen sie „dem Mädel" beizukommen, mutmaßen warum die „Machtmatrone mit den miesen Manieren" wohl so beliebt sei und sehen sich plötzlich einer geballten weiblichen Konkurrenz gegenüber: „Wohlmöglich kommen da noch mehr Quotenqallen auf uns zu oder sie koaliert mit dem Latexluder Pauli!" Zum Schluss trägt die Frau Bundeskanzlerin den Sieg davon, hat sie doch nicht nur Schäubles Rollstuhl verwanzt, sondern auch mit Guido Westerwelle den Neoliberalismus unterstützt. Kraft der Sprache Kröhnert zeichnete seine Figuren mit minimaler doch treffender Gestik und Stimme. Das wohl ausdrucksstärkste Werkzeug ist die Treffsicherheit und Kraft seiner Sprache. Dies lässt das aktuelle Programm aber vor allem im zweiten Teil etwas überlaufen. Zwei parallele Handlungen, rasant wechselnde Personen, viele Rückblicke und vielleicht etwas zu viele, längst fast vergessene Andeutungen, lenken manchmal vom roten Faden ab und unterdrücken dessen Ironie.Dennoch konnte sich das Publikum sehr gut unterhalten fühlen und brachte dies beim Schlussapplaus nicht nur durch minutenlanges Klatschen, sondern auch durch einen „Bravo-Ruf" zum Ausdruck. Seit vielen Jahren gab es diese Art der Beifallbekundung in der Aula nicht mehr — bemer(kel)nswert! Ist irritiert von wilden Liebesbezeugungen, die ihr „Bollwerk der Gegenwehr" nieder zu reißen drohen: Die „Königin der Macht", fein gezeichnet von Reiner Kröhnert.

Foto: Gabriele Schmitz

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Stunden im typischen Schulter-Pass Gang

Kröhnert und seine Beziehung zu „Angie"

Belecke. Kabarettist Reiner Kröhnert gastierte mit seinem neuen Soloprogramm „Königin der Macht" in der Theateraula Belecke. Was ihn so an der

Bundeskanzlerin fasziniert, erläuterte er im Gespräch.

Westfalenpost: Was mögen Sie an Angela Merkel?

Reiner Kröhnert: Dass sie die Männerwelt so schön durcheinander wirbelt. Die ist ganz schön taff, die Frau, ob Kohl oder Schröder oder Stoiber,

irgendwie hat sie sie alle „gekriegt".

Frage: Haben Sie das sofort an ihr erkannt?

Kröhnert: Nicht gleich....aber früher als so manch anderer. Viele haben Roland Koch als Kanzler favorisiert.

Viele waren von ihrer Vehemenz überrascht. Nachdem sie zunächst Stoiber den Vortritt gelassen hat, war mir klar, dass sie Schröder beerben wird

und mein letztes Programm „Angie goes Hollywood" geschrieben...

Frage: Wie lange lebt „die Angie" jetzt bei Ihnen zu Hause (und in Ihrem Kopf)?

Kröhnert: Nachdem sie den legendären Aufsatz in der FAZ geschrieben hat, damit den Kohl gestürzt hat. Da hat das Mädel doch wohl mehr gewusst

als geahnt. Ich habe mich natürlich auch schauspielerisch mit ihr auseinander gesetzt. Ich weiß noch genau, als ich die Merkel in Hamburg zum

ersten Mal geben wollte, bin ich vor der Aufführung stundenlang in diesem typischen Schulter-Pass-Gang durch das Theater

gerannt. Später entdeckte ich dann den Muskel für die charakteristischen Merkel-Lefzen.

Frage: Hat sich Frau Merkel in dieser Zeit ihrer intensiven Beobachtung verändert?

Kröhnert: Ganz klar! Macht macht auch ein bisschen schön (lacht) und sie strahlt diese innere Zufriedenheit aus. Sie macht beruflich genau das,

was sie immer machen wollte.

Frage: Merkeln Sie im Privaten? Haben Sie etwas von ihr angenommen?

Kröhnert: So ab und an ihr bübisch Verstecktes. Ich betrachte Frau Merkel im übrigen als Kollegin, als Satirikerin. Sie besitzt die Kunst des inneren

Hohngelächters.

Frage: Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Kröhnert: Ich werde in den nächsten Monaten mit meinem neuen Programm durch die Republik ziehen.

Mit Reiner Kröhnert sprach Gabriele Schmitz.

 

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HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG

5.Oktober 2007

   Kinski trifft wieder

Reiner Kröhnert im

Theater am Küchengarten

VON UWE JANSSEN

Reiner Kröhnert ist der Marathonmann des politischen Parodie-Kabaretts. Gerade ist er unter dem Motto „Königin der Macht" mit einer runderneuerten Mannschaft in die Saison gestartet und gastiert zurzeit im Theater am Küchengarten.

Der Spielverlauf:

Bundeskanzlerin Merkel wird von einem anonymen Verehrer angehimmelt, der sich als der untote Klaus Kinski entpuppt. Ihre Gefühlswelt gerät völlig durcheinander, sie sucht Rat bei Parteikollegen während eine Gruppe von ehemaligen Wegbegleitern und Missgünstlingen einen Krisenstab bildet und die Chance zur Abrechnung gekommen sieht.

Hier die Akteure in der Einzelkritik:

Angela Merkel: Elegant in Bewegung und Ausdruck, starke Frisur, gute Ansprache an die Mitspieler, Führungsqualitäten, hohe Spieldauer.

Wolfgang Schäuble: Regisseur im Krisenstab, anfangs Schwäbelprobleme, später sehr souveräner Ton.

Peter Hintze: Untertänigst, spitzmündig, versteht sich blind mit

Ronald Pofalla: lässige Arroganz, im Duckmäuserduo mit Hintze kaum zu bezwingen.

Gerhard Schröder: Anlaufschwierigkeiten, dann sicherer Stammtischspieler mit routiniertem Thekenslang.

Peter Struck: Nur kurz eingewechselt, aber sehr stark. Vorbildlich in Haltung, Stimme und Charakter. Ein Volltreffer.

Edmund Stoiber: Bleibt blass, ein paar gute „Äääähs", sonst wenig Bindung zum Spiel. Diese Position spielen andere besser.

Guido Westerwelle: Sehr weiblich, erinnert im Tondrang stark an die frühere Mitspielerin Rita Süßmuth.

Friedrich Merz: Unauffällig, aber effektiv, sehr gut in Tonlage und Dackelblick.

Helmut Kohl: Hat viele Kabarettjahre hinter sich. Immer noch für einen guten Einwurf gut, wirkt aber insgesamt müde.

Daniel Cohn-Bendit: Der deutsch-französische Dribbelkünstler greift spät ins Geschehen ein, setzt aber mit seiner revolutionären Spielweise einige Glanzpunkte.

Wolf Biermann: Erfrischend deprimiert, ganz der alte Kämpfertyp.

Klaus Kinski: Als steuerflüchtiger Untoter sofort im Spiel. Starke Szenen direkt nach der Pause, später aus der Partie genommen. Niemand sagt so poetisch  „Riesenarschloch" zu

Werner Herzog: ergebener Stiefelknecht Kinskis und Vermittler zwischen seinem Meister und Merkel. Überzeugend.

Michel Friedman: Überheblich, besserwisserisch, so wie man ihn kennt. Gute Vorlagen, treibt das Spiel voran.

Erich Honecker: Großer Auftritt im zweiten Durchgang, nuschelfest, vokabelsicher. Nach gut zwei Stunden plus Nachspielzeit

verdienter Jubel und ein klarer Sieg für das Team Kröhnert.

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Donaukurier

 6.3.2006                                  online

Der Untergang des Abendlandes ist unvermeidlich
Karl Leitner, Donaukurier
Ingolstadt (DK) Der Untergang des Abendlandes ist unvermeidlich. Nicht wegen durchgeknallter Terroristen, außerirdischer Invasoren oder schmelzender Polkappen, nein, ganz allein wegen geballter Inkompetenz und grenzenloser Dummheit hierzulande. Also Augen zu und durch? – Wie wäre es, darüber einen Film zu drehen, der natürlich nicht anders als "Crash" heißen kann, mit all jenen als Protagonisten und Komparsen , die das Boot zielsicher in Richtung Abgrund steuern? Also gut, Angela Merkel ist der Star des Streifens, Schröder, Müntefering und Stoiber streiten sich um die optimale Kleinrolle.
Reiner Kröhnert lässt in seinem Programm "Angie Goes Hollywood" bei den Kabaretttagen nicht weniger als 17 Figuren aufmarschieren, darunter auch bereits ausgemusterte Leinwandhelden wie Norbert Blüm, Rita Süssmuth und Erich Honecker, lässt sie ohne Medienberater von der Leine, wodurch sie sich notgedrungen um Kopf und Kragen quasseln, offenbart Einblicke in deren Seelenlage, präsentiert deren Oberstübchen als gedankenfreie Zone, stellt sie dar als Figuren, die unabhängig von Profession und Geschlecht die gleichen Worthülsen absondern. Kröhnert ist politischer Kabarettist, da soll man über die da oben lachen, klar, und so gibt es auch jede Menge komischer Szenen – etwa die, in denen Friedrich Merz, Norbert Blüm und Edmund Stoiber ihren jeweiligen Jahrhundertsatz in die Welt hieven – ulkige weil täuschend echte Parodien.

Doch das ist es nicht eigentlich, denn Kröhnert arbeitet mit einer hinterhältig versteckten zweiten Ebene, die sich erst Mitte der ersten Hälfte richtig offenbart, dann aber immer wichtiger wird und am Ende zu der Feststellung führt "Diese Dummköpfe sind selbst dafür zu blöd, sich selber zu spielen!" und zu der Frage "Was sollen die Intelligenten tun, wenn die Idioten die Macht im Lande übernommen haben?" Sie sollten zumindest auf diese Tatsache hinweisen, wie Kröhnert es tut, der am Ende eine eher düstere Vision entwirft von den Zeiten, die unserem "total verblödeten Volkswesen" erst noch bevorstehen – und zwar nicht im Film, sondern in der Realität.

Gibt es einen Ausweg? Revolution geht nicht, schließlich sind wir in Deutschland, die Rückkehr zum Grundvertrauen in die Obrigkeit geht auch nicht, nicht bei dem von Kröhnert vorgestellten Personal. Bleibt nur der "Spaß am Untergang" – den gab’s schon mal, auch als Kabarettprogramm – oder besser, ganz im Sinne des ungebremsten Kapitalismus: "Lasst uns nicht in den Film, sondern in den echten Crash investieren." Ein Resumee? – Ein zweifaches: Die Lage ist ernst, auch wenn man herzhaft über Superstar Angie und ihr Fußvolk lachen muss, und: Reiner Kröhnert ist ein ebenso durchtriebener wie erstklassiger Kabarettist.

 

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Südwestpresse 20.Februar 2006

Der Zenmeister lustiger Metaphern

Stimmenparodist Reiner Kröhnert erzielt mit minimal-mimischem Einsatz maximale Wirkung

Die Gesellschaft ist medial verblödet, Vollidioten haben die Macht übernommen, das Abendland steht vor seinem Untergang: Stoff genug für den epochalen Katastrophenfilm ‚‚Crash’’, für den Reiner Kröhnert das gesamte Horrorkabinett der Macht in Metzingen auflaufen lässt.

KATHRIN KIPP

Metzingen• Casting-Show in der Aula des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums: Regisseur Werner Herzog lässt einen Sack voll Politiker antreten, die sich alle für die Hauptrolle in seinem Horrorstreifen empfehlen wollen. ‚‚Politiker sollen Schauspieler spielen, die Politiker spielen, die Schauspieler sind’’, lautet das Untergangskonzept des Films, und alle sprechen sie vor: Blüm präsentiert seinen ‚‚Jahrhundertsatz’’, an dem er gerungen habe ‚‚wie weiland Goethe an seinem Götzzitat’’: ‚‚Die Rente ist sischer’’, verkündet der ‚‚Hessengnom’’ prophetisch mit der ‚‚Stimme des kleinen Mannes’’. Dann der Profi - ‚‚da muss ein echter Staatsmann ran’’ - Schröder, die ‚‚colorierte Rambofresse’’. Er will natürlich den Helden geben.

Rick Schröder und die Macht

Fürs Casting hat er sich mit ‚‚Strucki’’ die Casablanca-Szene ausgesucht, in der die ‚‚scharfe Lisa’’ grad abgedüst ist. Lisa stehe für die Macht, sagt ‚‚Rick Schröder’’. Und die ist jetzt weg. ‚‚Jetzt bloß nicht sentimental werden’’, meint er großspurig zu Strucki, denn er hat schon längst den Deal mit Putin in der Tasche: Putin zerschlägt Yukos und Schröder die SPD, die ‚‚abgetakelte Sozifragette’’. Danach übernimmt er den Öl-Konzern und wenn sich die Wogen wieder geglättet haben, ‚‚kauf ich mir Hannover ’96’’. Bei so viel Unverfrorenheit kommt auch schon das soziale Gewissen ums Eck: In Form von Daniel Cohn-Bendit, der im Film den Aufstand der Massen gegen den Bankenkapitalismus organisieren will, als ‚‚Danton Deux’’ mit dem schönen Künstlernamen ‚‚Dany le Rouge’’.

Stimmenparodist und Politikerimitator Reiner Kröhnert führt bei seiner sprachlich fein durchkomponierten ‚‚Castingshow’’ die gesamte Politprominenz vor. Er zeigt sie als selbstverliebte Phrasendrescher, die sich permanent in den Vordergrund drängen und doch nichts zu sagen haben außer durchgequirlten Allgemeinplätzen. Die drückt der multiple Kröhnert mit seiner vielseitigen Zunge dafür umso schöner aus: Mit minimal-mimischem Einsatz erzielt er maximale Effekte. Kröhnert arbeitet schauspielerisch eher mit Unter- als mit Übertreibung und setzt dafür lieber inhaltlich immer noch einen drauf.

Er deutet die jeweiligen Stimmen nur an, schiebt dafür seinen Figuren einen fein geschliffenen, aber umso drastischeren, skurril-realen Text unter und zeichnet so eine originelle Typologie des politischen Null-Geistes und eine Phänomenologie medialen Schwachsinns. Jede seiner Figuren will vorne mitspielen, und jede blamiert sich dadurch auf ihre Weise, denn Kröhnert stochert natürlich in jede Wunde: Ede Stoiber wird als ‚‚Zenmeister des äääääh’’ beschimpft, der solange äääht, bis auch noch der aufmüpfigste Journalist seine Frage vergessen hat: ‚‚Und wie das Gift der Kreuzspinne eine Fliege komatös hinterlässt, so hinterlässt auch sein ääääh’ beim Gegner irreparable cerebrale Schäden’’, offenbart sich Kröhnert als Zenmeister lustiger Metaphern. Auch Münte will mitspielen, kommt mit seinem charakteristischen ‚‚R’’ dahergerollt und wird auch tatsächlich ins Team geholt: ‚‚Für eine angeschwemmte Wasserleiche könnte das Talent reichen’’. Natürlich flattert auch noch Angie herbei, ‚‚das Genie in Wort, Mimik, Gestik und Charisma’’ und Werner Herzogs persönliche Muse.

Reiner Kröhnert mit jeweils aktuell auf den neusten Stand gebrachter Perücke wackelt wie ein Pinguin über die Bühne und macht auf Ost-Kindchenschema. Herzog schmilzt dahin: ‚‚Aus dem Füllhorn der Talente hat man Ihnen die Filetstücke zugeteilt’’, sülzt er Angie an, während der - ‚‚wie Jesus? Nein, wie Kinski!’’ - nach drei Tagen wieder auferstandene Klaus Kinski das Treiben mit seiner garstigen, intellektuell-versauten Lyrik kommentiert. Er ist selbstverständlich für die männliche Hauptrolle vorgesehen: ‚‚Soll ich diesem verhärmten Mannweib die Zunge in den Hals stecken?’’ formuliert er kunstvoll. Da kräht es schon von hinten: ‚‚Isch würd’s mach’n!’’ - Boris wurde als ‚‚Sex-Faktor’’ eingekauft, als ‚‚Ikone des Aufbruchs’’. Herzog kann den dauergrummelnden Kinski gerade noch beschwichtigen: ‚‚Wir brauchen die geballte Inkompetenz dieser Leute. Es geht um die Sache, Klaus.’’ So geht’s munter weiter mit der aberwitzigen ‚‚Schwätzparade tumber Phrasenfürsten’’, bis das Abendland vielleicht tatsächlich untergeht.

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(c) SWP/Metzinger Uracher Volksblatt

Tag=20; Tag=Do; Monat=2; Monat=Feb; Jahr=2006; Artnr=HERM-1969794; Aspekt=20.02.2006; Aspekt=METZINGEN_ME; Aspekt=KULT;

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5.01.2006

POLITPARODIE 

Kabarett im Kabinett

Wie Deutschlands Spaßmacher dem Regierungswechsel ein Lächeln abgewinnen.

VOLKER S. STAHR

 

 

Reiner Kröhnert ist die Grande Dame unter den politischen Spaßmachern. 
Foto: dpa 

Es war der Abend des 23.November. Der Abend nach der Wahl der ersten Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. In der Frankfurter Kabarettbühne „Die Käs" hatte sich ein sonderbar gemischtes Publikum eingefunden. Gleich zwei deutsche Großbanken – Dresdner und Commerzbank – hatten Kartenkontingente bestellt. So waren denn auch auffällig viele Anzug- und Kostümträger in dem Sofaambiente der Käs zu sehen. Doch irgendwie passte es. Denn auch auf der Bühne reihte sich Anzugträger an Anzugträger – zumindest virtuell. Parodist Reiner Kröhnert ließ die „Crème de la Crème" der deutschen Politikszene in einem fiktiven Filmcasting posieren und passieren: Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Friedrich Merz, Edmund Stoiber – und sogar noch einmal Norbert Blüm.

Vielleicht lag es am hohen Bankeranteil, dass trotz guter Parodien auf den einen Job suchenden Ex-Kanzler („Wenn gar nichts mehr geht, werd' ich Schauspieler. Das kann ich ja"), auf den stets die Kameraeinstellung für seine Bierdeckelsteuererklärung suchenden Ex-Fast-Finanzministers oder auf einen ewig seinen Jahrhundertsatz probenden Ex-Sozialministers („Ich hab' den so lang' vor dem Spiegel geübt, bis ich's mir selbst geglaubt habe") nur mühsam Stimmung aufkam. Doch das änderte sich schlagartig, als Kröhnert einen Tag nach ihrer Wahl in ihrem leichten Pinguinengang tänzelnd und mit markant-unmarkanter Perücke die Hauptdarstellerin aus den Kulissen kommen und für Werner Herzogs neues Mega-Katastrophenstück „Der Crash" („von allen apokalyptischen Filmen der apokalyptischste") vorsprechen ließ.

„Für mich ist sie schon seit zwei Jahren die Hauptdarstellerin", sagt Kröhnert später. Kunststück. Das Soloprogramm des Kabarettisten heißt „Angie goes Hollywood". Fast könnte man es einen „Riecher" nennen, den der neben Mathias Richling einzige prominente deutsche Parodist hier bewiesen hat. Und zwar offenkundig ganz gegen seine Branche. Selbst der politische Großmeister Urban Priol ließ noch zwei Wochen später in seiner Monatsrevue „Alles muss raus" auf 3sat zum politischen Spitzengespräch Gerhard Schröder gegen Gerhard Schröder antreten; parodiert von Priol selbst und Stimmenimitator Andreas Müller.

Sympathische Spröde

Die neue Kanzlerin? Sie bekam dort nur eine Nebenrolle. Genauso in vielen anderen Kabarettprogrammen, wo bestenfalls Frisur und Gesicht Merkels für flache Witze sorgen. Zumindest im alten Jahr tat sich die Branche noch sehr schwer mit dem Personen- und Geschlechterwechsel auf der politischen Bühne des Landes.

Nicht von ungefähr ist Kröhnert auch schon viel näher dran an der „Neuen". Mehr als alle politischen Beobachter bringt er ihren naiv-mürrischen und zugleich resoluten Stil auf den Punkt. Auf den Punkt der Naturwissenschaftlerin. Als solche lässt er sie ihre Rolle in „Der Crash" vorsprechen. „Crash? Ich sehe keinen Crash", lässt er sie vehement argumentieren. Und was am Anfang etwas mädchenhaft wie das Pfeifen im Walde wirkt, erhält bald akademische Untermauerung. „Was man nicht sieht, kann auch nicht da sein", hört man sie in unnachahmlichem Merkel-Trotzton sagen. Mehr noch: „Und hören Sie ihn? Einen solchen Crash muss man doch hören. Zumindest pardauz muss er machen. Ich höre nichts. Also ist da auch kein Crash." Fürwahr: Man merkt, dass da jemand der Kanzlerin schon länger auf den Mund geschaut hat. Nicht Haare, Mundwinkel oder andere Äußerlichkeiten werden thematisiert. Na ja: Sieht man einmal von dem permanenten pinguinartigen Flügelschlag beim Reden ab.

Ein kleiner Pinguin mit stoischem Glauben an Naturwissenschaften und Argumente und immer in seiner eigenen Welt – es ist keine bösartige Karikatur, die Kröhnert von der neuen Kanzlerin zeichnet. Eher eine, in der man Merkel tatsächlich wiedererkennt. Zumal sich jene Angela immer mehr der spröden, aber nicht unsympathischen „Angie" anzunähern scheint. Was Kröhnert übrigens nicht überrascht. Als Parodist müsse man immer ein wenig seiner Zeit voraus sein. „Nach dem Schauspieler die Kabarettistin", lautet sogar seine überraschende Charakterisierung vom Wechsel von Schröder zu Merkel. Die „Neue" habe etwas Ironisches, vielleicht gar Selbstironisches. Eine Sicht, die bisher wenige bei ihr beobachtet haben. Auch in Kröhnerts Programm darf „Angie" die gezielt Unprofessionelle, die „Nichtschauspielerin" mimen. Für Kröhnert vielleicht einer der wesentlichen neuen Punkte: die Abkehr vom Schauspielertum, das Schröder zuletzt in Perfektion beherrscht habe.

Eine Zeitenwende auch? Wenn ja, so Kröhnert, dann liege sie wahrscheinlich genau darin: „im Wechsel von den Schauspielern zur Nichtschauspielerin". Vielleicht hätten die Menschen genug von Schauspielerei. Ein Grund, warum Merkel immer besser ankomme – im Saal und draußen im Lande. Ein feiner Stimmungsumschwung, den auch Kabarettisten demnächst zu spüren bekommen könnten.

Schaut man auf die Popularitätskurve der Kanzlerin, könnten Sottisen auf Frisur und Gesichtszüge bald kontraproduktiv werden. Nicht von ungefähr spielen sie auch bei Merkels Alter Ego keine Hauptrolle. „Ihre Züge entgleiten nur noch selten. Nur, wenn sie mal unkontrolliert ist", sagt Kröhnert. Auch in seinem Programm ist das so. Dann allerdings entgleisen sie fast schöner als beim Original. Nur eine Äußerlichkeit scheint beim Alter Ego eine wichtige Rolle zu spielen. Zum dritten Mal schon musste er die Perücke für „Angie" überarbeiten. Während alle noch über ihre Frisur Witze machen, hat Kröhnert längst bemerkt, dass Merkels Zusammenarbeit mit einem Berliner Starfriseur Früchte beziehungsweise Formen trägt.

Angst vor Platzeck

Noch einmal zurück zur Frage: Kanzlerwechsel, Zeitenwende? Tun sich die deutschen Kabarettisten deshalb so schwer mit der Kanzlerin, weil sie selbst fast alle Männer sind? Kröhnert mag dies nicht gelten lassen. Auch er habe überhaupt kein Problem damit, als Mann eine Frau spielen zu müssen. Vielmehr habe es doch erst recht Komik, wenn er, der Mann, als Frau auftrete.

Auch in der Käs sorgte dies, unterstützt durch die neue modische Perücke, sofort für ein belebendes Hallo. Zumindest inhaltlich hält er die Frage aber ohnehin für verfrüht. Mitte der Legislaturperiode werde man wohl schlauer sein. Nicht von ungefähr entspricht dies auch seinem Zeitplan, will er doch noch bis etwa 2007 mit „Angie" tingeln gehen. Erst danach sei wieder ein neues Programm fällig. Welches, lässt er offen. „Vielleicht einmal das C in CDU thematisieren..."

 

Dass das aber durchaus noch mit Merkel geschehen kann, hält Kröhnert für sehr gut möglich. „Ich räume ihr durchaus noch vier weitere Jahre ein, wenn sie die Mitte der Legislatur übersteht". Hauptgrund: ihre Lernfähigkeit. Nicht nur, was das Äußere angehe. Gerade er als Parodist, der mit diesen raschen Veränderungen Schritt halten muss, nimmt sie vielleicht auch rascher wahr als das Publikum. Und offenbar auch als seine Kabarettistenkollegen. Und sollte Angie in zwei Jahren doch nicht mehr da sein, hat Kröhnert genug Alternativen. Auch sein Casting ließ noch deutlich über ein Dutzend Kollegen Revue passieren. Und ständig kommen neue hinzu. Derzeit etwa darf der „Michel Glos" neu vorsprechen. Schon mal imVorgriff auf eine Götterdämmerung in München.

Und wer ist noch nicht im Programm, aber bereits im „Scouting", wie es im Fußball immer heißt? Na ja, einer, vor dem es Kröhnert offenbar mehr graut als vor der Kanzlerin. Einer, von dem er im Stillen hoffe, dass dieser Kelch an ihm vorübergehe. Wer? Der neue SPD-Chef Matthias Platzeck. Zu ihm fällt Kröhnert bisher noch gar nichts ein. Schlecht für Platzeck, sollte sich Kröhnerts Weitblick wieder einmal bestätigen

 

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Reiner Kröhnert in der „Linse"    13.12.2005

So böse klingt die Wahrheit der Macht

WEINGARTEN - Da hatte die Jury sehr früh das richtige Gespür: 1987 erhielt Reiner Kröhnert mit seinem ersten Solo-Programm das Ravensburger „Kupferle". Jetzt stand er mit seinem sechsten Solo in der „Linse" auf der Bühne — das passte, denn im neuen Programm geht es um ein gewaltiges Filmprojekt mit beängstigenden Stars.

Von unserem Mitarbeiter Wolfram Frommlet

Vielleicht gibt es diesen Reiner Kröhnert gar nicht und er ist ein Phänomen wie George Bush. Ein Wiedergeborener. Vielleicht ist er Klaus Kinski? Schlimmer noch, eine gleich mehrfach gespaltene Persönlichkeit, ein Psychopath, der gesucht wird? Oder der oben auf der Bühne der Psychoanalytiker und die unten im Saal die Klienten? Nicht ohne Grund hieß ja 1991 das Programm dieses Herrn K. „Reiner flog über´s Kuckucksnest".

Vielleicht waren ja auch am Samstag Abend in der „Linse" die Türen abgesperrt, damit keiner von den Irren unten abhaut, bevor der Herr Doktor oben sie behandelt hat, oder dass wir alle bittschön wie die Lemminge in die gleiche Richtung laufen. In den „Crash", dahin, wo das tödliche Rattengift auf uns wartet. Das Gift der Verdummung, die solche cerebralen Schäden anrichtet, bis wir gar nicht mehr merken, was uns da für Süppchen angerichtet werden in Talkshows, bei den Schäfers und den Edelsülzern wie Friedmann oder Erich Böhme, der auf der Bühne nochmal Resümee zieht und sich einen Traum erfüllt: die geballte Bagage an Phrasierern und Dementierern tritt auf und der Filmemacher Werner Herzog ist dabei und Klaus Kinski — ein Jahrhundertprojekt soll entstehen: der Film „Crash", der Untergang des Spätkapitalismus. Die Crew kennt man aus einer Show, die sich Demokratie oder Parlament nennt. Bekannte Herren, Schröder, Struck, Münte, „Ede" und Norbert, sowie Angie.

Auf Wesentliches reduzieren

Aber was dabei herauskommt, ist das Beste, was politisches Kabarett momentan zu bieten hat: ein Gruselkabinett der Macht. Marionetten, subalterne, servile Wiedergeburten von Heinrich Manns „Untertan", Schaumschläger, die ein „geistiges Vakuum" produzieren, das irgendwann implodieren muss, Wendehälse und Prostituierte. Grauenvoll, Furcht erregend. Und doch Lachsalven im Publikum, weil Kröhnert gelingt, was Brecht mit dem „Arturo Ui", was Chaplin mit dem „Großen Diktator" gelang — dass man über die Herrschenden lacht, dass ihre Sprache, ihre miserablen Schaustellereien entlarvt werden. Weil bei Kröhnert Mimik, Gestik seiner Figuren minimalistisch reduziert sind auf das Wesentliche, weil er Politiker nicht einfach als grandioser Stimmenimitator nur kopiert, weil er nicht Bekanntes zitiert, sondern ihnen Fiktives in den Mund legt, das noch schlimmer ist als die Wirklichkeit.

So wie die Politprominenz bei Kröhnert redet, klingt die Wahrheit der Macht. Jeder Satz geistreich, verdichtet, brillante Reduktionen statt Klischees. Eine satirische, bittere Analyse des Psychopathologischen „zivilisierter" Politsysteme und der sie stützenden Massenmedien. Ein sprachliches Meisterwerk vor allem das, was der „verrückte" Klaus Kinski, meist in mephistophelisch bösartigen Blankversen an Kommentaren über das herrschende Panoptikum abgibt. Der einzig klar Denkende in einer sehr großen Irrenanstalt.

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(c) 2005 Schwäbische Zeitung

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© Leipziger Volkszeitung vom Freitag, 7. Oktober 2005

Kabarettistische Zitterpartie


Kabarettisten leben gefährlich: Manchmal überrollt die Realität das Programm und macht es von heute auf morgen platt. Anders bei Reiner Kröhnerts "Angie goes Hollywood": Schritt für Schritt robbt die Wirklichkeit im und nach dem Wahlkampf an die satirische Erfindung heran und macht das Programm - bereits im Oktober 2004 in Leipzig zum besten Beitrag der 14. Lachmesse gekürt - topaktuell.

Während gestern beim Auftakt der Jubiläums-Lachmesse Polit-Parodist Kröhnert auf der Bühne der academixer nochmals seine Figuren Merkel und Schröder um die Hauptrolle im fiktiven Hollywoodfilm "Crash" streiten lässt, scheint 150 Kilometer entfernt in Berlin der Kampf der realen Personen und ihres Gefolges um Macht und Kanzlerjob in die Endrunde zu gehen. Im Angesicht von so viel Authentizität ist das Publikum aus dem Häuschen und wittert hinter jedem Gag eine Anspielung - fast wie beim Kabarett zu DDR-Zeiten. Am Ende Jubel um Kröhnert, der für seinen Leipzig-Auftritt vom Vorjahr den Festivalpreis "Löwenzahn" entgegennimmt.

Was das Publikum begeistert, habe ihn natürlich in der letzten Zeit extrem unter Spannung gesetzt, gesteht Kröhnert im Gespräch mit dieser Zeitung. "Bei der Dynamik der Ereignisse musste ich täglich damit rechnen, dass der Rückzug vom Kanzler verkündet wird. Oder eben auch nicht. Und ich bin im Programm genau auf diesen Showdown fixiert. In der Realität wollen beide Kanzler sein. Bei mir will jeder die Hauptrolle." Jeden Abend eine Zitterpartie.

Vor der Wahl habe er natürlich ein bisschen spekuliert. Sich festgelegt auf einen Sieg von Merkel und das Programm mit Ko-Autor und Regisseur Wolfgang Marschall entsprechend umgeschrieben. "Aber dann kam diese Patt-Situation, und ich musste wieder die alte Fassung sspielen." Ausweg: Kröhnert hört vor jedem Auftritt die letzten Nachrichten, um sich dann für eine Variante zu entscheiden. "Eine Herausforderung und für mich auch was Neues." Aber das Publikum habe im politischen Kabarett Anspruch auf Aktualität. "Das ist mein Job, bloß - der ist derzeit nicht so ohne ..."

Der Kabarettist gilt in der deutschen Szene als begnadeter Parodist. Sein "zweites Gesicht" habe er schon in der Schule trainiert, indem er die Lehrer beobachtete und sie dann in der großen Pause imitierte. Mehr als zwei Dutzend Figuren tummeln sich in seinen bisher fünf parodistischen Solo-Programmen - Mandatsträger, Künstler oder Sportpromis in unglaublich echt wirkenden Fälschungen aus Gestik, Mimik und Sprache.

"Ich bin ein großer Fan von Phoenix", sagt Kröhnert, der in den Talkshows des Nachrichtensenders ein unerschöpfliches Reservoire für seine Bühnen-Schöpfungen findet. "Manchmal komme ich mir vor wie ein Schauspieldirektor, der ein Ensemble zur Verfügung hat. Dann kommt die Idee für eine Programm und ich überlege, wer könnte denn diesen oder jenen Part übernehmen."Das nächste Projekt? Das sei natürlich auch von der künftigen Regierungskonstellation abhängig. "Aber wie auch immer: Ich werde mich mit dem C beschäftigen. Wenn das C - im Parteinamen - jetzt eine tragende Rolle übernehmen sollte, will ich das mal auseinander nehmen."

Auf den Löwenzahn sei er stolz, meint Kröhnert. "Weil die Leipziger Lachmesse immer etwas mit Qualität zu tun hat." Der Hinweis auf die Auszeichnung ziert seit Monaten seine Homepage.

Bernd Locker

Homepage: www.reiner-kroehnert.de

 

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Rheinische Post vom 23.Juni 2005

Das Polit-Kabinett im Rattenzwinger

VON ALEXANDER ESCH

Drei Tage Tod müssen genügen. Wiederauferstanden tobt Klaus Kinski, als sei er nie weg gewesen. Ganz zur Freude seines kongenialen Partners Werner Herzog. Der plant ein monumentales Filmepos über den Untergang des Abendlandes. „Crash" soll es heißen, Kinski soll die Hauptrolle übernehmen. Doch der hat nach wie vor keine hohe Meinung von seinem liebsten Feind: „Es kriecht durch den Titanenschatten meines Ichs ein Kakerlak, der sich als Künstler wähnt." Doch Herzog wispert unerschütterlich: „Bravo, Klaus! Du bist wieder ganz der Alte."

Das Casting zu „Crash" läuft zurzeit im Kom(m)ödchen und heißt „Angie goes Hollywood"; das aktuelle Programm Reiner Kröhnerts. Das Filmset dient ihm als Kulisse, um die abstrusen Facetten des politischen Schauspiels zu karikieren. Sein Mittel ist die Parodie. Und die ist von solch mimetischer Schärfe, dass wir anerkennend ungläubig die Köpfe schütteln.

Zum Vorsprechen hat er ein „Christiansen"-erprobtes Polit-Figurenkabinett geladen. Denn Herzog will „wahre Inkompetenz". Aus diesem Grund ist auch Boris Becker vor Ort: „Ich kann gucken, wie ein Ochse, wenn der Blitz einschlägt." So haben sie alle ihre Qualitäten. Von Münte bis Gerd, von Ede bis Dani.

Das Rennen macht jedoch Angie: „Als Drag-Queen der erotischen C-Klasse". Unterstützt vom ewig dienenden Hintze, der sich permanent verbeugt und als untertänigster Untertan zum „wahren deutschen Geist bekennt".

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Kölnische Rundschau

- Kölner Kultur –

1.Juni 2005

Letzter Aufruf zur Rettung des Abendlandes

Kabarettist Reiner Kröhnert weiß mehr: "Angie goes Hollywood" - und das im Senftöpfchen

Das war fast schon visionär. Als Reiner Kröhnert im September 2004 sein Programm "Angie goes Hollywood" aus der Taufe hob, konnte noch keiner wissen, wie die Landtagswahlen in NRW ausgehen würden. Jetzt aber sieht es ganz so aus, als ob "Angie" Merkel - nun, nicht gerade nach Hollywood, aber immerhin doch ins Kanzleramt ziehen könnte.

Der Politkabarettist und Meisterparodist aus Rheinland-Pfalz hat sich für sein jüngstes Programm einen aparten Plot ausgedacht: Werner Herzog, der Regisseur mit dem Gutmenschen-Geschwurbel, veranstaltet für sein neues Mammutprojekt zur Rettung des Abendlandes (Titel: "Crash") ein Casting mit der gesamten Politprominenz.

Um die Hauptrollen konkurrieren Angela Merkel ("Ich sehe keinen Crash"), Boris Becker und Klaus Kinski, der Provokateur mit der Original-Kröhnert-Stabreim-Poesie im Villon-Stil. Daniel Cohn-Bendit malt die drohende Verelendung des Mittelstandes an die Wand und verspricht Revolution, Norbert Blüm beschwört sein Mantra "Die Rente ist sicher", Michel Friedman und Sabine Christiansen rühren die "Laber-Suppen" an, in die Kinski so gern hineinkotzt. Das Publikum im Senftöpfchen-Theater kann staunend beobachten, wie Reiner Kröhnert in Sekundenschnelle mimisch und stimmlich die Rollen wechselt.

Und wenn er dann am Schluss mit der Wiederkehr des "Führers" die Untergangsvision als Schlüsselszene des Films beschwört, läuft es den Zuschauern bei allem Spaß an der intelligenten Unterhaltung kalt den Rücken hinab. (BS)

Dauer: zwei Stunden mit Pause. Bis 2. Juni, 20.15 Uhr. Große Neugasse 2-4, Karten-Tel. 258 10 58.

 

                          

Süddeutsche Zeitung

Münchner Kultur

18.Mai 2005

Kompetent und bitter

Satiriker Reiner Kröhnert in der

Lach- und Schießgesellschaft

Mal angenommen, man säße als imaginärer Besucher mitten im „Stuhlkreis" von Sabine Christiansen und würde Zeuge einer Diskussion mit den Polit-Spitzen der Republik. Für einen Augenblick würde man die Augen schließen. Und wenn man sie wieder aufmachte, säße da nur noch ein Mann: Reiner Kröhnert. Der würde sie alle mimisch ersetzen, die Schröders, Strucks und Stoibers der Nation, gekonnt in der Gestik, sprach-lich unglaublich nahe am Original.

In seinem neuen, sechsten Solo-Kabarettpro-gramm „Angie goes Hollywood" trifft er die „geballte Ladung Inkompetenz" zum Casting eines Films über den Untergang des Abendlandes. Regisseur Werner Herzog verlangt Authentizität, also müssen Politiker Schauspieler spielen. Dabei arbeitet Kröhnert seine Figuren, wie immer, fein und pointiert heraus. Deshalb ist sogar verzeihlich, dass er auch einige Kabarett-Pension-äre wie Norbert Blüm und Rita Süßmuth bemüht.

Kröhnerts Stärke ist die bittere Satire mit geschliffenen Texten, die weh tun. Der Film? Er wird niemals gedreht. Weil die Politiker kneifen. Sie sind unfähig, die Unfähigkeit zu verkörpern. Das Lachen erstickt, die Wahrheiten bleiben – und Kröhnert. Ein Hoffnungsschimmer (bis 21.Mai).

NICOLE GRANER

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Frankfurter Allgemeine Zeitung

15.09.2004 Nr. 215, S.46

Kultur


"Steckt sie in ein Güllefaß"
Reiner Kröhnert im Mainzer Unterhaus
 
Am dritten Tag ist er auferstanden von den Toten. Weil sein verhaßter Lieblingsregisseur Werner Herzog ihn rief, ist Klaus Kinski zurückgekehrt, um seine Heilsbotschaft zu verkünden und zu vernichten, was vernichtet werden kann: "Es lallt die lahme Laberlaus sich selbst den Geist zum Hirn heraus."

Gnadenlos und beliebig ist seine Haßtirade, ein Verbalhieb geht an die "seelenlosen Satellitenschüsselsäue", ein anderer trifft das "mediengeile Primatenpanoptikum". Und der süffisant säuselnde Herzog ist schier begeistert: "Bravo, Klaus, beruhige dich doch bitte, Klaus." Schließlich braucht er den Jähzornigen für seine cineastische Vision. Einen in seiner Unbarmherzigkeit konkurrenzlosen Thriller will er drehen, ein apokalyptisches Epos, das seinesgleichen nicht kennt: "The Crash" heißt das Machwerk, in dem alles, was straucheln kann, mit einem großen Pardauz zu Boden geht: Börse, Bildung, Sozialsystem, ja die ganze Republik.

Endzeitstimmung im Mainzer Unterhaus: Zum großen Casting für den Untergangsfilm hat der Parodist Reiner Kröhnert die gesamte Politprominenz eingeladen. Das Crash-Ensemble verlangt nach "geballter Inkompetenz", und das heißt nach Politikern, die Schauspieler spielen.

Und so streiten sich Münte, Nobbi, Gerd, Strucki, Angie, Dani und Ede um die Hauptrolle in Kröhnerts Klassiker. Werner Herzog animiert phrasenreich zu darstellerischen Höchstleistungen, Michel Friedman agiert als ewig tätschelnder Schauspielcoach, und zwischendurch platzt immer mal wieder ein cholerischer Klaus Kinski herein und macht alle Bemühungen zunichte: "Steckt sie in ein Güllefaß voll faulem Herpesgrind." Kinskis fahriger Blick, sein offener Mund und die aggressive Gestik stimmen: Kröhnerts Parodie ist bis in die Fingerspitzen pointiert und manchmal zum Verzweifeln originalgetreu.

Das gilt für das gesamte Crash-Ensemble: ein hölzerner Müntefering, dessen Arme unbeholfen schlackern wie bei seinem Schauspielidol Pinocchio, ein sich jovial auf der Couch fläzender Friedman, der mit heiserer Stimme den schnoddrigen Graf Lambsdorff befingert - hinter der imitierten Fassade liegen zudem wortgewaltige Wahrheiten.

Die Eignung für die Besetzungsliste betonen die Politiker mit kurzen Plädoyers für ihren Jahrhundertsatz: Ob Blüm mit "Die Rente ist sicher", der wie weiland Goethe um diesen Satz gerungen haben will, der Zahlen-Maniker Merz, der detailliert die Zweckmäßigkeit des Bierdeckels für die Steuererklärung vorrechnet, oder der Kanzler persönlich, der nun einmal keine andere Politik kann - sie alle müssen doch Angela Merkels Charisma Tribut zollen, die aufgrund ihrer "veritablen Prise Erotik" an der Seite von Klaus Kinski den Crash fabrizieren wird. Unterstützung bekommt sie dabei von ihrem unterwürfigen Verehrer Peter Hinze, der "in untertänigster Untertänigkeit" ihren Witz und ihre Weiblichkeit gleichermaßen preist.

Wohin der umfassende System-Crash bei aller reinigenden Kraft allerdings abgleiten kann, führt komischerweise der Banalitäten von sich gebende Boris Becker mit einer ganz eigenen Parodie in der Parodie vor Augen: Fellmützenbedeckt prophezeit Boris als Erich Honecker, daß Hartz IV, Basel 2 und Rürup 1-33 der Dolchstoß in das Herz der deutschen Sozialdemokratie sind. Und im Dämmerlicht zeigt ein behutsam parodierter Hitler, was bei einem gesellschaftlichen Kollaps tatsächlich dräuen könnte.

RAINER SCHULZE

Reiner Kröhnert tritt noch bis Samstag, 18. September, im Mainzer Unterhaus auf.
 
 
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